"Literatur im Nebel": Zwei Tage Lesemarathon im Waldviertel

19. Oktober 2015, 17:07
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Christoph Hein (71) war am Wochenende Ehrengast des Festivals im Waldviertler Heidenreichstein. Hein, einst wichtigste literarische Stimme der DDR, warnt in seinen Romanen, Essays und Dramen vor politischer Willkür und Intoleranz

Heidenreichstein – Ein Literaturfestival, das die wenig einladende Wettervorhersage "Nebel" im Titel trägt; dazu noch ein doch recht entlegener Veranstaltungsort, zwei Stunden außerhalb Wiens im nördlichen Waldviertel; keinerlei Eventschnickschnack drumherum, sondern zwei Tage jeweils fünf Stunden lang kompromissloses Eintauchen in das Werk eines einzigen Schriftstellers: Als Rudolf Scholten (Ex-Kulturminister und OeKB-Bankvorstand), der Dichter Robert Schindel und der damalige Bürgermeister von Heidenreichstein, Johann Pichler, die Idee zu "Literatur im Nebel" (LiN) gebaren, glaubten wenige an deren Realisierung.

Doch dieses Wochenende feierte LiN in der Heidenreichsteiner Margithalle zehnten Geburtstag, ohne Feuerwerk oder Nebelraketen (der Nebel hatte sich, erst zum zweiten Mal in all den Jahren, tatsächlich über den Ort gelegt), aber wie immer vor ausverkauftem Hause: Sechshundert Menschen pro Tag, viele seit 2006 Stammbesucher. Nach Salman Rushdie, Amoz Oz, Jorge Semprun, Magret Atwood, Hans Magnus Enzensberger, Nurudun Farrah, Ljudmilla Ulitzkaja, Louis Begley und Ian McEwan unternahm diesmal der deutsche Schriftsteller Christoph Hein, unbestechlicher Beobachter von Politik, Geschichte und Gesellschaft, einen Zweitagesausflug ins Waldviertel.

Am Ende Standing Ovations

Jakob Hein, Kinder- und Jugendpsychiater und Schriftsteller, hielt eine ebenso berührende wie erheiternde Laudatio auf seinen Vater. Üblicherweise lehnen die beiden diesbezügliche Bitten ab, "weil sie praktisch nie vom Werk des einen oder gar des anderen ausgehen, sondern uns zu einer Zirkusnummer machen". Am Ende gab es für Christoph Hein, dessen Stücke zu DDR-Zeiten immer wieder verboten wurden, Standing Ovations. Vorausgegangen war dem Jubel ein zehnstündiger, hin- und mitreißender Hardcore-Lesemarathon prominenter Schauspielerinnen, Schauspieler, Schriftstellerkollegen.

Herausragend etwa Ursula Strauss, die aus Heins Frau Paula Trousseau las; die wunderbare Erni Mangold gab die alternde Theaterdiva Tilla Durieux aus dem Stück Jannings & Tilla. Dem mit dem Naziregime kooperierenden Ufa-Star Emil Jannings hatte zuvor Thomas Thieme seine unvergleichliche Stimme geliehen.

LiN-Dramaturgin Bettina Hering (Direktorin des Landestheaters Niederösterreich und designierte Schauspielchefin der Salzburger Festspiele) hatte Heins OEuvre zu thematisch erhellenden Leseblöcken gebündelt.

Wer nächster LiN-Gast wird? Wohl wieder ein Weltklasseschriftsteller – und hoffentlich eine Frau. (red, 20.10.2015)

  • Christoph Hein glaubt an die Macht der Worte
    foto: imago / star-media

    Christoph Hein glaubt an die Macht der Worte

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