"Das Kalkwerk": Die Lauschattacken eines Wiener Schnitzels

19. Oktober 2015, 17:09
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So geht's: Der Österreicher Philipp Preuss zeigt seine Adaption von Thomas Bernhards Roman an der Berliner Schaubühne

Einige Romanhelden Thomas Bernhards haben es zu sensationeller Berühmtheit gebracht. Wer zum Beispiel Bernhards Prosadebüt Frost gelesen hat, wird den Maler Strauch niemals vergessen können. Konrad, der Held aus Das Kalkwerk (1970), ist ein ganz besonderer Kauz. In der Abgeschiedenheit einer stillgelegten Industrieanlage gibt er vor, an einer Studie über das Gehör zu arbeiten.

Die Prosa zeigt Bernhard auf der Höhe seiner Kunst. Konrad scheitert fortwährend an dem Versuch, das "Ungeheuerliche aus dem Kopf heraus auf Papier zu bringen". Im Studio der Berliner Schaubühne sitzt ein schmächtiger Mann (Felix Römer) in hochhackigen Damenschuhen. Alles ist Reflexion in dem silberglänzenden Zimmer, das man sich sehr gut auch als Konrads Oberstübchen vorstellen könnte (Ausstattung: Ramallah Aubrecht).

Der wunderbare Schauspieler Römer ist gebürtiger Österreicher. Die weithin mäandernden Sätze Bernhards kaut er klein. Vor allem aber lauscht er hingebungsvoll der eigenen Suada vom vergangenen Tag. Er hantiert dann verbissen an einem Kassettenrekorder herum. Konrad kann somit auch als Bruder von Becketts Krapp (Das letzte Band) gelten. Mit dem Unterschied, dass er keine Bananen isst.

Pseudowissenschaftliche Arbeit als anstößiges Laster

Konrad hat sich als Wissenschafter zu absoluter Hellhörigkeit verdammt. Zudem ist er aber ein infernalischer Kerkermeister. Die Studien, die er treibt, muss die Ehefrau im Rollstuhl ausbaden. Konrad spricht ihr die aberwitzigsten Worte vor: "Rinnsal"; es folgen Sätze nur mit "e", mit "i" oder "u". Man blickt nicht ohne Verstörung auf diesen liederlichen Mann, der seiner pseudowissenschaftliche Arbeit wie einem besonders anstößigen Laster frönt.

Tatsächlich erzählt Regisseur Philipp Preuss, ein gebürtiger Vorarlberger, die Geschichte einer Psychose. Römers Antlitz wird als Film auf die Wand projiziert. Er selbst mimt die zu absoluter Untätigkeit verdammte Dame des Hauses. Es gibt sie nicht, jedenfalls ist sie nicht zu sehen. Alle Versuche, hinter das Geheimnis dieses Sonderlings zu kommen, werden abgeblockt. Sein "anderes" Ich auf dem Schirm drückt das Gesicht an einer Scheibe platt. Konrad ist offensichtlich beim englischen Schockmaler Bacon in die Schule gegangen. Preuss diskutiert zwei hoch bedeutsame Fragen: Was geht auf der Ebene der Darstellung mit uns vor, wenn wir nicht mehr zu sagen wissen, was mit uns geschieht?

Die zweite Frage ist noch tausendmal heikler. Wie verwinde ich die Tatsache, dass ich den einzigen Menschen, der mir jemals nahe gestanden ist, ins Jenseits befördert habe? Gerade eben hat Konrad einen Walzer für zwei getanzt. Gleich anschließend übergießt sich der bis auf die Unterhose Entblößte mit einem Kübel Wasser. Seelenruhig leert er Mehl, Eidotter und Semmelbrösel auf die Bühne und wälzt sich selig in der Panier. Als Psychotiker ist Konrad sein eigenes Schnitzel.

Fast scheint es, als ob sich Regisseur Preuss über die konventionellen Bernhard-Bebilderer lustig machen wollte: Da habt ihr euren monomanischen "Helden", nehmet und esset! Ein erfrischend neuer Zugang, eine unerhörte Produktion. Philipp Preuss wird in Bälde am Wiener Volkstheater Romeo und Julia inszenieren. (Ronald Pohl aus Berlin, 20.10.2015)

  • Romanheld Konrad (Felix Römer) agiert mit seinem Double um die Wette – ein neuartiges Bernhard-Erlebnis in Berlin.
    foto: thomas aurin

    Romanheld Konrad (Felix Römer) agiert mit seinem Double um die Wette – ein neuartiges Bernhard-Erlebnis in Berlin.

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