"Alte Meister": Hosen runter im Kunsthistorischen Museum

19. Oktober 2015, 17:06
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Dusan David Parízek hat für seine Fassung von Thomas Bernhards Roman einen neuen Tonfall gefunden. Die mondäne Peymann-Ästhetik ist passé: Lukas Holzhausen und Rainer Galke nehmen den "Geistesdialog" physisch-komisch im Sturm

Wien – Mit den herrschaftlichen, königlich ausgestatteten Männerwelten Thomas Bernhards, wie sie Claus Peymann einst mit Bühnenbildner Karl-Ernst Herrmann prägte, hat Dusan David Parízek nichts am Hut. Der Regisseur setzt stets auf Ausstattungsdowngrade und gibt auch den Alten Meistern am Volkstheater Auftrieb durch Entschlackung. Diese Reduktion und die mit ihr einhergehende Fokussierung auf minimalistische Körperlichkeit führt nicht selten (siehe Die lächerliche Finsternis am Akademietheater oder Der Fall Svejk bei den Wiener Festwochen) direkt zum nackten Wahnsinn. So auch im Volkstheater.

Kein Tintoretto-Gemälde bekommt das Publikum zu sehen, keine samtig-grüne Sitzbank aus dem Kunsthistorischen Museum, auf der die Hauptfigur Reger, einer scheinbar überlebensnotwendigen Gewohnheit folgend, seit Jahrzehnten jeden zweiten Tag stundenlang Platz nimmt. Stattdessen richten zwei Overheadprojektoren ihr Licht auf drei große Leinwandquadrate. Sie zeigen Nahaufnahmen von Körperstellen, von Augen oder Haaren, die wie Stacheln sprießen. Es ist – die Close-ups verraten es später – die eigene arme Haut, die einem da von der Wand entgegenlacht. Denn wer Kunst betrachtet, so Reger, betrachtet letztendlich sich selbst.

Mehr braucht es nicht für diesen quietschlebendigen 100-Minuten-Bernhard, nur noch das: ein gut paniertes Schnitzel aus der Alufolie, einen vom Schnürboden herabhängenden Strick und zwei paar Stöckelschuhe.

Keine Berührungsängste mit offenherzigen Witzen

Der 1985 erstmals erschienene Roman Alte Meister trägt die Genrebezeichnung Komödie. Und auf dem Grat einer solchen bewegt sich auch dieses aus seinem tollkühnen Minimalismus heraus wirkende Duett (die Erzählebene Atzbachers ließ man weg). Parízek hat keine Berührungsängste mit offenherzigen Witzen. Für das burgenländische Idiom beispielsweise nimmt der aus Nordrhein-Westfalen gebürtige Schauspieler Rainer Galke in der Rolle des Museumswärters Irrsigler bereitwillig Hilfe aus der ersten Sitzreihe an – vom Souffleur. "Vastuabene Muada?" hallt es dann "authentisch" durch das Mikrofon. Mit gleicher Hingabe groovt sich Lukas Holzhausen als Musikkritiker Reger beim Kleinreden des Großphilosophen Martin Heidegger ins Schwäbische ein ("die Strümpfle selber stricke").

Er kauert dabei auf der viel zu kleinen, postbourgeoisen Bordone-Sitzbank oder gerät mit Irrsiegler in eine denkwürdige Rauferei, da er in einem Anfall von Abscheu den Kunstleinwänden mit der Schere zu Leibe zu rücken gedachte – aus Verachtung all der "Staatskünstler" und der sie betrachtenden "Staatsmenschen", die selbstredend alle Nazis seien, die nach ihrem verlogenen Museumsbesuch mit drei Fingern (dem anstelle des Hitlergrußes praktizierten Kühnen-Gruß) ihr Bier bestellten.

Lebhaft-lockerer Ton

Die Bernhard-Suada bekommt durch die Gegenwärtigkeit der Schauspielerkörper (sie sind keine bloßen Redefiguren, sondern wendige Menschen mit Haut und Haaren) plötzlich eine andere Präsenz und Dringlichkeit. Parízek schlägt einen lebhaft-lockeren Bernhard-Ton an; er hat die Imprägnierung der Figuren als Altherrenbildnisse weggesprengt, sie verjüngt (Reger ist im Original achtzig Jahre alt).

Parízek dreht seine Bühnenfassung so weit, dass den großspurigen, naturgemäß paternalistischen Reden Regers (die als Trauerrede auf seine verstorbene Gattin enden) eine Hommage an die Frauen entspringt: den steten Leerstellen in Thomas Bernhards Werk. All das steckt in diesem Text. Und die beiden Volkstheater-Schauspieler sind ihm in formschöner Strenge auf der Spur. (Margarete Affenzeller, 20.10.2015)

  • Jausenzeit im Kunsthistorischen Museum: Reger (Lukas Holzhausen) und sein Konterpart und "Sprachrohr" Irrsigler (Rainer Galke, re.) in der Volkstheater-Inszenierung.
    foto: www.lupispuma.com / volkstheater

    Jausenzeit im Kunsthistorischen Museum: Reger (Lukas Holzhausen) und sein Konterpart und "Sprachrohr" Irrsigler (Rainer Galke, re.) in der Volkstheater-Inszenierung.

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