"The Walk": Am Morgen über Manhattan

20. Oktober 2015, 05:30
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Regisseur Robert Zemeckis nähert sich dem legendären Kunststück des Hochseilartisten Philippe Petit

Wien – Es war der 7. August 1974, und die Nacht über New York war kühl und klar. Man konnte die Sterne am Himmel leuchten sehen, und vom Dach des World Trade Center aus hatte man einen fantastischen Blick über die Stadt. Dann kam der Morgen, und Philippe Petit setzte endlich den größten Schritt seines Lebens: Er stieg auf ein Drahtseil, das er und seine Helfer in der Nacht zwischen den Türmen gespannt hatten, und balancierte eine Dreiviertelstunde auf dem 75 Meter langen Stahlseil zwischen den Zwillingstürmen über Manhattan.

Bereits vor einigen Jahren rekonstruierte der Brite James Marsh in seiner oscarprämierten Dokumentation Man on Wire das "künstlerische Verbrechen des Jahrhunderts", wie Paul Auster den Hochseilakt bezeichnete, ohne dabei selbst ein Risiko einzugehen: Mithilfe von Petits Schilderungen, Archivmaterial, nachgestellten Szenen und den Aussagen damaliger Weggefährten setzte Man on Wire dem französischen Exzentriker ein Denkmal. Das Erstaunliche an Robert Zemeckis' Spielfilm The Walk ist die Tatsache, dass er Marshs Doku über weite Strecken sehr ähnlich ist – aber noch uninspirierter.

Nutzlose Dauerkarte

Zemeckis positioniert seinen Hauptdarsteller Joseph Gordon-Levitt als Erzähler auf der Freiheitsstatue mit Blick auf die Twin Towers, während Rückblenden dessen erste Gehversuche als Akrobat in Paris illustrieren. Petit schnuppert Zirkusluft als kleiner Bub, stiehlt wenig später als junger Mann mit seinem Hochrad im Künstlerviertel der Musikerin und baldigen Freundin Annie (Charlotte LeBon) die Schau und entwickelt alsbald die Obsession seines Lebens. Für ein Biopic genügt das noch lange nicht, doch ein solches hatte Zemeckis offensichtlich auch gar nicht im Sinn: The Walk möchte vielmehr seinen Höhepunkt als dreidimensionales Erlebnis zelebrieren.

Die Folge dieses unentschlossenen Ansatzes ist ein völliges Desinteresse am Hintergrund, der Petit zu seinen Kunststücken bewog – sein Balanceakt auf der Kathedrale Notre-Dame bekommt ein paar Minuten, jener auf der Hafenbrücke von Sydney spielt für Zemeckis gar keine Rolle. Und selbst beim großen Finale hätte es keinen 3-D-Effekt gebraucht, um den schwindelerregenden Blick in die Tiefe zu veranschaulichen.

Wie sehr Zemeckis dem World Trade Center als Mythos ausweicht, ist hingegen schon wieder bemerkenswert. Als ob das Monument noch wie vor vierzig Jahren stehen würde, präsentiert Petit seine heute nutzlos gewordene Dauerkarte für die Aussichtsplattform. Das Ablaufdatum sei durchgestrichen worden, so der vor Selbstüberzeugung strotzende Artist, stattdessen sei darauf vermerkt: "Forever". (Michael Pekler, 20.10.2015)

Ab Freitag im Kino

  • Ein Hochseilakrobat begeht das "künstlerische Verbrechen des Jahrhunderts": Joseph Gordon-Levitt als Philippe Petit zwischen den Zwillingstürmen des World Trade Center in Robert Zemeckis' "The Walk".
    foto: sony pictures

    Ein Hochseilakrobat begeht das "künstlerische Verbrechen des Jahrhunderts": Joseph Gordon-Levitt als Philippe Petit zwischen den Zwillingstürmen des World Trade Center in Robert Zemeckis' "The Walk".

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