"Prison Architect" im Test: Wir bauen einen Todestrakt

25. Oktober 2015, 11:00
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Brillantes Strategiespiel macht Spieler zu Planern und Betreibern eines Gefängnisses – traut sich aber nicht, tiefer zu schürfen

Keiner will hin, und doch üben Gefängnisse eine beachtliche Faszination aus. Vom ewig bestbewerteten IMDB-Darling "Die Verurteilten" über "Prison Break" bis hin zum Serienhit "Orange is the New Black" ziehen Gefängnissstoffe die Menschen in ihren Bann. Die gesellschaftliche Ausnahmesituation, die Gefahr und auch die Schicksale der oft auf engstem Raum Zusammengepferchten und ihrer Bewacher sind auch schon lange im Computerspiel Thema.

Meist geht es in Spielen allerdings darum, aus der unfreiwilligen Gefangenschaft wieder auszubrechen; einige wenige, vor allem die "Prison Tycoon"-Reihe, lassen Spielerinnen und Spieler aber zu Verwaltern werden. Auch das nach über drei Jahren im Early Access entwickelte und nun final erschienene "Prison Architect" (Windows, Mac, Linux, 27,99 Euro) des britischen Studios Introversion Software ist ein Management- und Verwaltungsspiel, in dem die Aufgaben die Planung, Bau, Organisation und Betrieb eines Hochsicherheitsgefängnisses sind.

Sandkiste mit Stacheldrahtzahn

Am Beginn steht noch die Freiheit aller Sandbox-Spiele: Das leere Grundstück, vor dem bald die ersten Gefangenen ankommen, ist die Leinwand, auf der von Grund auf mit dem Gefängnisbau begonnen wird. Neben Zäunen, Gebäuden, Zellen und Freiflächen müssen Stromleitungen, Wasserrohre und mit wachsender Größe immer komplexer werdende logistische Einrichtungen gebaut, erweitert und instandgehalten werden. Der Kreativität sind dabei höchstens finanzielle Grenzen gesetzt: Seine Häftlinge möglichst human mit großzügigen Wohneinheiten und vielen Freiflächen auszustatten ist ebenso möglich wie der Bau menschenverachtender "Gefängnisfabriken", in denen schwerbewaffnete Wachen patrouillieren und Insassen unter schärfster Bewachung Zwangsarbeit verrichten müssen.

Die kurze "Kampagne" spielt dabei eher die Rolle eines Tutorials, in dem die Grundlagen der Simulation in der Praxis gezeigt werden; der eigentliche Kern des Spiels ist der freie Sandbox-Modus, in dem mit den vorhandenen Ressourcen und zufälligen Ereignissen jongliert werden muss. Wer nach Misserfolgen – oder auch, um einen neuen Ansatz auszuprobieren – von vorn beginnen will, kann sein Gefängnis jederzeit verkaufen und mit diesem zusätzlichen Geld ein neues Gefängnisprojekt in Angriff nehmen. Neu ist ein "Escape Mode", in dem man in Gestalt eines Insassen auszubrechen versucht – im Vergleich zum Aufbaukern bleibt dieser allerdings nicht mehr als ein netter Gimmick.

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Der Feind im Inneren

Der Aufbau von Städten, Festungen oder komplexer Einrichtungen wie Spitäler oder Vergnügungsparks ist als Konzept eines ganzen Spielegenres bewährt, doch beim Thema Gefängnis gesellt sich zu den gewohnten Aufgaben eine zusätzliche Verschärfung: Der Feind kommt hier nicht von außen, sondern ist die ganze Zeit im Inneren präsent. Mit wachsender Größe der Architektur bevölkert sich das Spielfeld mit einer stetig bedrohlicher werdenden und schwerer zu handhabbaren Menge an Gefängnisinsassen, die – zur Erinnerung – nicht freiwillig hier sind und sowohl Wachen als auch einander nicht grün sind. Überbelegung, logistische Fehler bei der Versorgung, Gangs und Drogenkriminalität sorgen für ein mal mehr, mal weniger explosives Klima, das sich in Prügeleien, Morden, Ausbruchsversuchen oder Gefängnisrevolten entlädt.

"Prison Architect" bedient sich mit vollen Händen an Klassikern und Kulttiteln des Aufbauspiel- und Simulationsgenres. "Dungeon Keeper" und "Theme Hospital", aber besonders das Komplexitätsmonster "Dwarf Fortress" http://derstandard.at/1378248999251/Dwarf-Fortress-Zwei-Brueder-widmen-ihr-Leben-einer-kostenlosen-Welt-Simulation sind die Vorbilder, an denen sich die irrwitzig detaillierte und komplexe Simulation misst. Dass sich die Arbeit als Gefängnismanager dabei trotz aller Komplexität vor allem im Vergleich zum Zwergenweltsimulator vorbildlich einfach bedienen lässt und in seinem simplen Grafikstil erstaunliche Details abbildet, ist eine seiner bemerkenswertesten Leistungen. Freunde komplexer Aufbausimulationen sowie Einsteiger können nach kurzer Einarbeitung ihrer Kreativität freien Lauf lassen – und werden dabei vor immer neue spannende Situationen gestellt, die sich quasi von selbst ergeben. Miit seinen komplexen Spielmechaniken sorgt der Gefängnissimulator immer wieder für erinnernswerte Geschichten und Dramen – von in der Kantine randalierenden Gefangenen über Ausbruchsversuche bis hin zum Aufspüren von Schmuggelware durch Informanten.

Die Sache mit der Moral

Die niedliche Cartoon-Grafik im "South Park"-Stil soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass just diese Systeme "Prison Architect" aber auch zu einem düsteren, in gewissem Maße auch zynischen Spiel machen. Schon in der einführenden Kampagne verlangt eine Mission, einen Insassen zum Tod durch den elektrischen Stuhl zu begleiten – und letztlich stellt das Spiel die Aufgabe, trotz aller Details gesichtslos bleibendes "Menschenmaterial" zu verwalten. Onwohl die Entwickler sich während der dreijährigen Entwicklung wiederholt zur Brisanz ihres Themas geäußert und viel Fingerspitzengefühl für die letztlich heikle Thematik versprochen haben, hinterlässt die relativ kommentarlose Freiheit der Simulation wohl bei manchem ein mulmiges Gefühl.

Einiges von dieser Ambivalenz ergibt sich sicher durch die Herkunft der Entwickler: Die Briten von Introversion blicken thematisch und in oberflächlichen Details auf eine ihnen letztlich fremde, nur als US-amerikanisch zu deutende Gefängnisrealität – wenngleich die Entwickler das wiederholt bestritten haben. Nur bedingt erfolgreich tänzeln sie um einen ganzen Berg kontroversieller Themen herum: Sowohl die in der Realität offensichtlichen Fragen nach Hautfarbe und institutionellem Rassismus als auch der Auswirkungen des "War on Drugs" werden schlicht ausgeblendet – und letztlich, so lernt man als Spieler, gibt es für alle sich stellenden Probleme eine ingenieurtechnische, disziplinarische oder verwaltungstechnische Lösung innerhalb dieser Gefängnismauern, die hier die ganze Welt sind.

"Nur ein Spiel"?

Gerade ein Spiel, das mit seinen cleveren Systemen und seinem in Details bewundernswert gelösten "realistischen" Simulationsanspruch, der tatsächliche gesellschaftliche Mechanismen des Systems Gefängnis abbildet, kann sich in solchen Fragen weniger als andere Spiele darauf ausreden, "nur ein Spiel" zu sein – dafür ist es sowohl in Hinblick auf sein gesellschaftlich brisantes Thema als auch seine Ernsthaftigkeit zu nah an der Realität.

Am deutlichsten wird das, wenn man die Augen schließt: Dann ist der realistische Sound von ins Schloss fallenden Gittern, schreienden Männern und der von uns gebauten Maschine Gefängnis ganz unironisch und gar nicht zeichentrickartig im Vordergrund. Ein wenig mehr Position zu beziehen, die Komplizenschaft exakt der Planer, Verwalter und Bürokraten, in deren Rolle SpielerInnen hier sind, am System zu betonen, hätte es zu einem eindeutigen, letztlich einzigartigen Statement werden lassen. So wie es ist, bleibt "Prison Architect" ein brillantes, herausforderndes Simulationsspiel, das leider die Chance ungenützt lässt, nicht nur nebenbei, sondern ganz gezielt zum Nachdenken über sein Thema anzuregen. (Rainer Sigl, 25.10.2015)

"Prison Architect" ist für Windows, Mac und Linux für 27,99 Euro erschienen.

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt.

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