Wie Self-Tracking Ärzten und Patienten helfen kann

Userartikel20. Oktober 2015, 12:17
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Das Cochrane Colloquium, ein Fachkongress für Mediziner zu evidenzbasierter Medizin, stand heuer im Zeichen der Datenflut. User-Reporter Michael Machtinger war vor Ort und erklärt das Self-Tracking

Self-Tracking wurde in den vergangenen Jahren zu einem vielverwendeten Schlagwort. Die "Vermessung des Ichs", also die Aufzeichnung relevanter Informationen zur eigenen Person mit Hilfsmitteln wie Apps auf Smartphones oder Smartwatches und anderen technischen Gadgets, ist längst nicht nur für ambitionierte Hobbysportler interessant. An einem sehr konkreten, aber dennoch fiktiven Beispiel für den Nutzen von Self-Tracking in der Medizin kann der Begriff dargestellt werden. Die Idee dazu stammt aus einem Vortrag der Ärztin Ida Sim beim Cochrane Colloquium.

Self-Tracking im Alltag

Thomas, so nennen wir den Protagonisten des Beispiels, erlitt vor kurzem ein Herzversagen. Seine Ärztin verordnete ihm daraufhin neben Medikamenten auch eine salz- und kalorienarme Ernährung sowie tägliche Bewegung. Beide Faktoren tragen zur Genesung von Thomas bei, was durch vorhergehende Studien bestätigt wurde.

Thomas ist Besitzer eines Smartphones und erklärt sich mit einem 30-tägigen Aufzeichnen seiner GPS-Aktivitäten durch eine App einverstanden. Mit diesen Daten lässt sich nachvollziehen, wie viel sich Thomas bewegt hat und ob beispielsweise Fastfood-Restaurants besucht wurden. In der Regel bieten diese Restaurants sehr salzige und kalorienreiche Speisen an, die Thomas besser meiden sollte. Die Daten über die Standorte solcher Restaurants sind leicht verfügbar. Sollte Thomas sich dann eine gewisse Zeit lang in der Nähe eines Fastfood-Restaurants befinden, könnte die App Thomas aktiv warnen und ihn so zu einer Änderung seiner Ernährung ermutigen.

Von der Einzelperson zur Allgemeinheit

Thomas wird sich vermutlich eher an die Vorgaben seiner Ärztin halten, wenn ihm bewusst ist, dass sein Verhalten aufgezeichnet wird. Dazu kommt, dass zusätzliche Reize geschaffen werden können, wie zum Beispiel ein Hinweis darauf, heute noch ein bisschen spazieren zu gehen. Wie groß der Nutzen eines solchen Monitorings im Endeffekt ist, lässt sich noch schwer abschätzen, aber der Aufwand für den Arzt und für Thomas ist relativ gering. Die Auswirkung lässt sich im Nachhinein zum Beispiel mit einer Studie, die nichtüberwachte und überwachte Patienten vergleicht, erfassen. So kann man Rückschlüsse auf einen größeren Personenkreis ziehen.

Für andere Ärzte könnten die Daten, die Thomas geliefert hat, auch interessant sein. Mit ihnen lässt sich herausfinden, wie viel Bewegung für vergleichbare Patienten optimal ist, ob es überhaupt ein Optimum gibt oder ob Bewegung gar keine Verbesserung bringt. Diese Daten sind für evidenzbasierte Medizin eine wichtige Grundlage. Die konstante Überarbeitung von Empfehlungen und Behandlungen für Patienten lässt sich in vielen Bereichen andenken.

Gerade aus diesem Grund sind elektronische Patientenakten wie Elga von sehr großem Wert für die Allgemeinheit – vorausgesetzt, sie sind auch so ausgelegt, automatisch bearbeitet zu werden. In den USA gibt es beispielsweise bereits zentrale Verzeichnisse, in denen eine große Zahl von elektronischen Patientenakten (Electronic Health Records, EHR) gespeichert werden, die für Analysen zur Verfügung stehen.

Datenschutz so wichtig wie selten zuvor

Den meisten Ärzten wird es nicht wichtig sein, wo Thomas wohnt oder wo genau er sich aufgehalten hat. Andere Akteure, wie zum Beispiel Versicherungen, könnten jedoch ein Interesse an diesen personenbezogenen Daten haben. Daher ist es wichtig, die Daten auch zu schützen. Ein erster Schritt könnte es sein, die GPS‑Daten in zurückgelegten Weg und Zeit umzuwandeln, womit die exakte geografische Information verloren geht. Einerseits gewinnen die Daten so an Sicherheit, andererseits lässt sich dann nicht mehr beantworten, wie schnell sich Bewohner einer Hauptstraße erholen im Vergleich zu denen, die in einer Nebenstraße wohnen.

Die grundlegende Frage, die im Zusammenhang mit Self-Tracking für den Einzelnen beantwortet werden muss, lautet daher: Bis zu welchem Grad würde ich mich durch meinen Arzt überwachen lassen? (Michael Machtinger, 20.10.2015)

Michael Machtinger (24), studiert Tissue Engineering and Regenerative Medicine am Technikum Wien.

YouTube: Ida Sims Cochrane Lecture

Hinweis: derStandard.at bekam den Besuch des Kongresses von Cochrane Österreich, mit Sitz an der Donau-Uni Krems, zur Verfügung gestellt und lobte diesen in einem #mitmachen-Format aus. Der User-Reporter hat im Gegenzug diesen Artikel verfasst.

  • Quo vadis, Mensch? Beim Self-Tracking zeichnet es jedenfalls eine App auf.

    Quo vadis, Mensch? Beim Self-Tracking zeichnet es jedenfalls eine App auf.

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