Alarm nach deutscher Grenzübergangssperre zu Österreich

19. Oktober 2015, 07:46
802 Postings

Deutschland machte Balken zu und wieder auf – Flüchtlingsandrang aus Slowenien

Wien/Graz/Salzburg/Ljubljana – Der Hotspot der Flüchtlingsankünfte in Österreich hat sich am Wochenende offenbar endgültig von der ungarisch-burgenländischen zur slowenisch-steirischen Grenze verlagert. Nachdem Ungarn die Grenze Richtung Kroatien am Samstag um null Uhr endgültig geschlossen hat, reisen die Schutzsuchenden, die nach wie vor meist nach Deutschland und Nordeuropa wollen, via Slowenien nach Österreich.

Rund 2.600 Menschen hatten am Wochenende bis Sonntag 16 Uhr das Bundesgebiet in Bad Radkersburg und Spielfeld betreten. Die Zahl sei deshalb relativ niedrig, weil Slowenien pro Tag nur 2.400 Menschen aus Kroatien einreisen lasse – und diese im Übrigen auch registriere, sagte Oberst Klaus Jäger, Leiter des zentralen Transportmanagements im Bundes-Flüchtlings-Krisenstab, zum STANDARD. Eine Meldung des slowenischen Innenministeriums, wonach Österreich Slowenien aufgefordert habe, täglich nur 1.500 Flüchtlinge weiterreisen zu lassen, dementierte das Innenministerium.

200 Asylanträge am Samstag

Im burgenländischen Nickelsdorf, wo am Samstag noch 4.155 Personen ankamen, herrsche nun "null Andrang", hieß es. In Österreich selbst stellten am Samstag rund 200 Menschen einen Asylantrag.

Die in der Steiermark Ankommenden werden in Bussen zum Grazer Ostbahnhof gebracht; der Grazer Hauptbahnhof wird nicht angefahren. Von Graz aus könnten die Flüchtlinge laut Jäger in Regelzügen weiterreisen – aber nicht bis in die Stadt Salzburg, wo die Notquartiere überfüllt sind.

Zu Fuß nach Deutschland

Stattdessen würden die Menschen in grenznahe oberösterreichische Transitquartiere gebracht. Hier übernachten die meisten von ihnen, bevor sie, in der Regel zu Fuß, die Grenze in Richtung Deutschland anpeilen.

Dort herrschte am Sonntag beträchtliche Nervosität. Laut Jäger wurde um 12.30 Uhr im Bundes-Krisenstab eine "Alarmmeldung" verbreitet, laut der Deutschland sämtliche Grenzübergänge außer jenen bei Freilassing für Fußgänger geschlossen hatte. Zwei Stunden später sei das wieder zurückgenommen worden.

Mehr Übertritte über grüne Grenze

Laut Jäger versuchen die deutschen Behörden auf diese Art, den Flüchtlingsandrang zu kanalisieren – wohl wissend, dass geschlossene Balken mehr Übertritte per grüne Grenze zur Folge haben, was ebenfalls unerwünscht ist. Jäger: "Weil in Deutschland dann mit einer nicht einschätzbar hohen Zahl neuer Asylanträge zu rechnen ist, was die Versorgungskapazitäten überlasten kann."

Die deutsche Polizeigewerkschaft hat sich indes für den Bau eines Zauns an der Grenze zu Österreich ausgesprochen. Auch der Widerstand der Unionsfraktion gegen die Flüchtlingspolitik der deutschen Kanzlerin Angela Merkel wird stärker. Wie die "Bild"-Zeitung vom Montag berichtete, will eine Gruppe um den Vorsitzenden des Parlamentskreises Mittelstand der Unionsfraktion, Christian von Stetten, Merkel per Beschluss zur Abkehr von der Politik der offenen Grenzen zwingen. Sie bereiteten einen Antrag zur Schließung der Grenzen vor. (Irene Brickner, Reuters, 19.10.2015)

  • Am Samstag begleiteten slowenische Polizisten Flüchtlinge aus dem Transitlager Sentilj an die österreichische Grenze bei Spielfeld.
    foto: apa/scheriau

    Am Samstag begleiteten slowenische Polizisten Flüchtlinge aus dem Transitlager Sentilj an die österreichische Grenze bei Spielfeld.

Share if you care.