Das Rattern der Dementiermaschine

18. Oktober 2015, 17:58
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Der Deutsche Fußballbund schließt aus, dass vor der Vergabe der Fußball-WM 2006 Korruption im Spiel gewesen sei. Einschlägige Klagen stehen im Raum

Frankfurt/Wien – Nicht nur angemessene Aufregung, untermalt vom Rauschen im Blätterwald, rief der Bericht des Spiegel hervor, wonach das seinerzeitige Bewerbungskomitee Deutschland die Fußball-WM 2006 mutmaßlich durch Stimmenkauf mit Geld aus einer schwarzen Kasse gesichert habe. Während viele Kommentare auf die Frage hinauslaufen, warum ausgerechnet bei der deutschen Bewerbung alles supersauber abgelaufen sein sollte, wo doch gleichsam jedes vergleichbare sportliche Großereignis der vergangenen Jahrzehnte im Ruch der Malversation steht, ging der schwer belastete Deutsche Fußballbund (DFB) in die Offensive.

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach kündigte rechtliche Schritte an. "Ich kann versichern, dass es im Zusammenhang mit der Bewerbung und Vergabe der WM 2006 definitiv keine 'schwarzen Kassen' beim DFB, dem Bewerbungskomitee noch dem späteren Organisationskomitee gegeben hat", sagte der 64-Jährige in einem Interview für die hauseigene Website. Er könne den Fans versichern, dass es vor der WM-Vergabe am 6. Juli 2000 in Zürich keinen Stimmenkauf seitens der Deutschen gegeben habe.

Fedor Radmann, seinerzeit der Vize von OK-Chef Franz Beckenbauer, ist sogar bereit, Eide darauf zu schwören, dass es keine Malversationen gegeben habe. Otto Schily, damals Bundesinnenminister und Mitglied des Organisationskomitees, sieht "keine Hinweise auf Bestechung". Dafür bringt er einen Namen ins Spiel, der im Bericht des Spiegels nur am Rande vorkommt – Theo Zwanziger. "Alle Zahlungen des DFB einschließlich der gesamten Buchhaltung wurden seinerzeit von dem damaligen Schatzmeister des DFB, Dr. Theo Zwanziger, sorgfältig geprüft", sagte Schily der Bild am Sonntag. Wenn es bei einer Zahlung des DFB an die Fifa Unklarheiten gebe, "gehört das zur Verantwortung der Fifa und liegt außerhalb der Verantwortung des Organisationskomitees. Da Dr. Theo Zwanziger als späteres Mitglied des Exekutivausschusses der Fifa sicherlich Zugang zu der Buchhaltung der Fifa hatte, kann er am ehesten dazu Auskunft geben."

Wie berichtet gibt es Belege über eine DFB-Zahlung in Höhe von 6,7 Millionen Euro an die Fifa im Jahr 2004. Der Spiegel will Hinweise darauf haben, dass es sich bei dem Geld in Wahrheit um die Rückzahlung eines geheimen Darlehens handelte, das der damalige (2009 verstorbene) Adidas-Boss Robert Louis-Dreyfus den Deutschen zum Zwecke des Stimmenkaufs eingeräumt habe. DFB-Präsident Niersbach will schon im Sommer eine Überprüfung des Geldflusses an die Fifa angeordnet haben, da an der widmungsmäßigen Verwendung (Kulturprogramm) Zweifel aufgekommen seien.

Angesichts der im Raum stehenden Vorwürfe raten Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier und Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), dem DFB zu einer schnellen Aufklärung. Beitragen könnte auch die Staatsanwaltschaft Frankfurt, die lauf Bild am Sonntag "sorgfältig prüfen" will, ob man ein Ermittlungsverfahren einleite.

Franz Beckenbauer hat sich erst am Sonntagabend zu den schwerwiegenden Vorwürfen geäußert: "Ich habe niemandem Geld zukommen lassen, um Stimmen für die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2006 nach Deutschland zu akquirieren. Und ich bin sicher, dass dies auch kein anderes Mitglied des Bewerbungskomitees getan hat".

Der Verdacht gegen den "Kaiser" erregte besonders. "Niemand kann sich sicher fühlen. Jetzt zittert sogar ein Mythos wie Franz Beckenbauer", schrieb der Corriere della Sera. In der Schweiz riet Blick Grundlegendes: "Bevor der Neuaufbau der maroden Fifa in Angriff genommen werden kann, sollte zuerst aber der ganze Keller ausgeräumt werden." (sid, lü, 18.10.2015)

  • Laut DFB-Boss Wolfgang Niersbach hat es vor der WM-Vergabe im Juli 2000 keinen Stimmenkauf seitens der Deutschen gegeben.
    foto: ap/ michael sohn

    Laut DFB-Boss Wolfgang Niersbach hat es vor der WM-Vergabe im Juli 2000 keinen Stimmenkauf seitens der Deutschen gegeben.

  • Er starb 2009: Ex-Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus.
    foto: epa/fabian matzerath

    Er starb 2009: Ex-Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus.

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