Warum Apple wissen will, wann Nutzer Sex haben

18. Oktober 2015, 14:04
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Seit iOS 9 bietet die Health App auch den Punkt Reproduktionsmedizin – Datenschützer üben Kritik an Apps zur Selbstvermessung

Mit der Veröffentlichung von iOS 9 im September hat Apple seine Health App um neue Funktionen erweitert. Neben Daten wie zurückgelegten Schritten, Blutdruck, zugeführten Kalorien oder dem Körperfettanteil, ist nun auch die sexuelle Aktivität eine Messgröße. Apple richtet sich damit unter anderem an Frauen, die schwanger werden wollen. Nun bekommt das Unternehmen dafür Lob aus dem Gesundheitssektor. Allerdings birgt die Selbstvermessung auch Risiken.

Reproduktionsmedizin

Die sexuelle Aktivität ist nur einer von mehreren Punkten im neuen Bereich Reproduktionsmedizin in der Health App. Daneben können Nutzerinnen unter anderem auch Angaben zur Menstruation, Ovulationstestergebnisse oder Temperatur eintragen. Bei der sexuellen Aktivität kann nicht nur der Zeitpunkt angegeben werden, sondern auch ob ein Verhütungsmittel verwendet wurde.

Die Health App ist nicht die erste Anwendung, mit der Frauen ihren Zyklus und ähnliche Daten überwachen und analysieren können. Für Android und iOS gibt es zahlreiche Menstruations-Kalender und Programme, die Frauen bei einer Schwangerschaft begleiten. Apple ist aber der erste große Plattformanbieter, der Reproduktionsmedizin integriert hat. In Google Fit und Samsung S Health gibt es noch keinen Punkt, mit dem diese Daten gemessen werden.

Als Unterstützung beim Arztbesuch

Für die Gesundheitsjournalistin Tara Culp-Ressler ist es ein wichtiger Schritt, dass nun auch ein großer Konzern wie Apple mehr Fokus auf Frauengesundheit legt, wie sie zur BBC sagt. Ärzte pflichten bei, dass die Aufzeichnung der Daten Frauen mit Kinderwunsch unterstützen könnten. Für den Gynäkologen Nathaniel DeNicola könnte das Monitoring von Menstruation und sexuelle Aktivität Patientinnen dabei helfen, besser mit ihrem Arzt zu kommunizieren. Oft könnten Fragen danach zu einem Ratespiel ausarten, sagt der Arzt zur BBC.

Datenschutz

Je mehr Daten mit der Health App gesammelt werden, desto größer werden die Sicherheitsbedenken. Speziell wenn es sich um Informationen handelt, die Nutzer vermutlich nicht jedem freiwillig erzählen würden. In der Health App können Nutzer direkt Daten eingeben. Die Anwendung kann aber auch Messungen von Drittanbieter-Apps verarbeiten. In diesem Fall ist die Einverständniserklärung der Nutzer notwendig. Und in der Health App selbst müssen Nutzer einzelne Punkte erst freigeben, wenn andere Apps darauf zugreifen sollen. Laut dem Unternehmen sind alle Daten verschlüsselt.

Neben der Information für Nutzer können die Gesundheitsdaten auch zu Forschungszwecken dienen, sofern man seine Einwilligung dafür gibt. Wissenschaftlern stellt Apple dafür ResearchKits zur Verfügung. Erst vergangene Woche hat der Konzern angekündigt, dass damit nun auch Studien zu Autismus, Epilepsie und Melanomen unterstützt werden. Zuvor hatte das Unternehmen bereits Kits für die Erforschung von Asthma, Diabetes und der Parkinson-Krankheit veröffentlicht. "Bis jetzt haben sich mehr als 100.000 Teilnehmer dazu entschlossen mit ihren Daten dazu beizutragen, die Wissenschaft und medizinische Forschung voranzutreiben", so Jeff Williams, Senior Vice President of Operations von Apple in einer Aussendung.

Kritik an Gesundheits-Apps

Kritiker sehen allerdings mehrere Probleme bei den Apps zur Selbstanalyse. Einerseits könnten sich Nutzer zu sehr auf den "Doktor im Smartphone" verlassen und eventuell notwendige Untersuchungen unterlassen. Andererseits stellt sich oft die Frage, was mit den Daten tatsächlich passiert. Apple verspricht, dass die Daten nicht weitergegeben werden es sei denn, der Nutzer willigt ein. Gerade bei kleineren App-Entwicklern besteht aber das Risiko, dass die Daten weiterverkauft werden. Immerhin zeigen sich Versicherungen sehr interessiert an Gesundheitsdaten von Apps und Fitness-Trackern.

Auch Frauenarzt DeNicola lässt im Bericht der BBC Vorsicht anklingen. Seiner Ansicht nach können die Apps zwar hilfreich sein, er würde sie aber nicht uneingeschränkt allen Patientinnen empfehlen. Bislang gebe es keine Studie, die belegen, dass mithilfe von App-Monitoring die Chancen auf eine Schwangerschaft steigen. Er sieht die Apps mehr als eine Stütze für Frauen, beim Arztbesuch korrekte Angaben machen zu können. (br, 18.20.2015)

  • Die Health App kann unter iOS 9 auch Daten aus dem Bereich Reproduktionsmedizin erfassen.
    foto: maurizio gambarini/dpa

    Die Health App kann unter iOS 9 auch Daten aus dem Bereich Reproduktionsmedizin erfassen.

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