Winterkorn gibt auch Vorstandsvorsitz der Porsche-Holding auf

18. Oktober 2015, 08:00
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Nach seinem Rücktritt als VW-Chef legt Winterkorn weitere Funktion nieder

Er war "Mr. Volkswagen". Und Vorstandschef auch bei der Porsche Holding, in der komplizierten Konzernarchitektur die Muttergesellschaft von Volkswagen. Ämter mit viel Macht – Martin Winterkorn ist sie beide los. Drei Wochen nach seinem Rücktritt als VW-Chef gab er am Samstag auch seinen Posten an der Spitze der Porsche-Holding PSE auf. Auf ihn folgt mit Wirkung zum 1. November der neue VW-Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch, wie die PSE als größter Volkswageneigner am Samstag mitteilte. Der Druck auf Winterkorn war zuletzt gestiegen.

Noch auf der Automesse IAA in Frankfurt, Mitte September, schien die VW-Welt in Ordnung zu sein. Winterkorn blickte in einer Rede auf die Zukunft: Volkswagen stecke mitten in einem historischen Wandel. Die Autokunden von Morgen erwarteten "neue Antworten, neue Wege und Lösungen", sagte der 68-Jährige mit Blick auf die Megathemen der Branche: das Internet hält immer mehr Einzug ins Auto, und die Industrie muss auch angesichts strengerer politischer Vorgaben alternative Antriebe wie den Elektromotor vorantreiben.

Die IAA lief noch, da wurde bekannt, dass VW mit einer Software Abgastests in Dieselfahrzeugen manipulierte. Der Skandal löste die schwerste Krise in der VW-Geschichte aus und kostete Winterkorn den Job als VW-Chef. Der 68-Jährige, der den VW-Konzern seit 2007 massiv erweitert und Rekordzahlen eingefahren hatte, übernahm die Verantwortung – beteuerte aber zugleich seine Unschuld und erklärte, nichts von den Vorgängen gewusst zu haben. Winterkorn behielt aber zunächst noch weitere Posten im Konzern, darunter den Chefsessel bei der Porsche-Holding – bis Samstag.

Kräftemessen mit Piëch

Dabei galt der 68-Jährige in dem riesigen Wolfsburger Weltkonzern vielen lange Zeit als unverzicht- und unantastbar – gerade nach dem beispiellosen, überstandenen Kräftemessen mit Ferdinand Piëch, mit dem er lange ein erfolgreiches Duo bildete. Der Machtkampf endete im Frühjahr mit dem Rücktritt Piëchs als VW-Aufsichtsratschef.

"Volkswagen war, ist und bleibt mein Leben" – das erklärte Winterkorn zum Rücktritt als VW-Chef vor drei Wochen. Dies zeigte noch einmal das Bild eines perfektionistischen Managers, der sich selbst wie kaum ein anderer mit VW identifizierte.

Neuer Führungsstil

Doch Winterkorn stand auch für eine zentralistische Führung, er galt als detailversessener Top-Manager. Legendär sind die Geschichten, wie Ingenieure vor Testfahrten Winterkorns zittern. In dem immer stärker wachsenden VW-Imperium wuchs die Kritik an dem Führungsstil, die Probleme wurden größer – wie die bereits vor dem Abgas-Skandal schleppende Entwicklung in den USA oder die mangelnde Renditekraft der Konzern-Kernmarke VW.

Nach dem Skandal ist in Wolfsburg nun viel von einem "Kulturwandel" die Rede. Es habe ein "Klima der Angst" geherrscht. Der neue VW-Chef Matthias Müller ging erst am Donnerstag auf Distanz zu seinem Vorgänger und dessen bekanntem Kontrollzwang. "Was die Produkte selbst betrifft, habe ich definitiv nicht vor, in Details von Produktentscheidungen einzugreifen", sagte Müller vor 400 Führungskräften in Leipzig, wie Teilnehmer berichteten. "Ob eine Frontscheibe ein Grad steiler steht oder nicht – damit will und werde ich mich nicht befassen."

Auch Europarecht verletzt

Der VW-Konzern hat mit der Manipulation von Abgastests bei Diesel-Fahrzeugen gegen Europarecht verstoßen. Das teilte der deutsche Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) am Freitag in einem Schreiben an 31 europäische Amtskollegen mit, wie die "Bild am Sonntag" berichtete. Ein Sprecher des deutschen Verkehrsministeriums bestätigte das Schreiben am Samstagabend.

Demnach verwies Dobrindt in dem zweiseitigen Brief auf einen Bescheid des deutschen Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) vom Donnerstag. Darin habe die Kontrollbehörde festgestellt, dass es sich bei den von VW in bestimmte Diesel-Fahrzeuge eingebauten Softwareprogrammen um unzulässige Abschalteinrichtungen handle – nach einem Artikel der EU-Verordnung Nr. 715/2007. Die Verordnung regelt unter anderem die Typ-Genehmigung von Autos hinsichtlich der Emissionen und den Zugang zu Reparatur- und Wartungsinformationen.

Der Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer sagte dazu der Zeitung: "Mit diesem Schreiben muss der VW-Konzern jetzt europaweit mit Schadensersatzforderung und Strafrechtsverfahren rechnen."

Das Kraftfahrt-Bundesamt hatte am Donnerstag einen verpflichtenden Rückruf für alle VW-Fahrzeuge mit manipulierter Motor-Software in Deutschland angeordnet. Allein in Deutschland zwingt der mit Abstand größte Rückruf in der VW-Firmengeschichte 2,4 Millionen Autofahrer nächstes Jahr dazu, mit den Dieseln zur Nachbesserung zu fahren. Der Rückruf soll im Jänner 2016 starten und dürfte sich bis zum Jahresende hinziehen. (APA, red, 18.10.2015)

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