VW druckt ganzseitiges Schuldeingeständnis

17. Oktober 2015, 14:31
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"60 Jahre Vertrauen weg" – Bundeskanzleramt schaltet sich in Debatte um Reduzierung der Leiharbeit ein

Wolfsburg – Mit einem schonungslosen Schuldeingeständnis hat sich der VW-Konzern in der eigenen Mitarbeiterzeitung zu Wort gemeldet und einen enormen Vertrauensverlust eingeräumt. Gleichzeitig verspricht Deutschlands größter Arbeitgeber und Autobauer, mit aller Kraft um die Gunst der Kunden kämpfen zu wollen. Auf einer ganzen Seite stehen über dem blau-weißen VW-Logo folgende Worte:

"Wir haben das wichtigste Teil unserer Autos kaputt gemacht: Ihr Vertrauen. Wir haben gerade einen großen Fehler gemacht. Wir haben Ihr Vertrauen beschädigt. Vertrauen, das wir über 60 Jahre aufgebaut haben. Jedes Mal, wenn Sie eines unserer Fahrzeuge gekauft haben, haben Sie an uns geglaubt. Und trotzdem haben wir Sie nun enttäuscht. Darum werden wir jetzt vor allem eins tun: auf unsere Worte Taten folgen lassen. Denn wir werden eine Lösung für jeden betroffenen Kunden finden. Und wir werden nicht aufhören zu arbeiten, bis wir Ihr Vertrauen wiedererlangt haben."

Nach Auskunft eines Konzernsprechers ist der Text Teil einer auf die internationalen Märkte ausgerichteten Kampagne, die online schon Verbreitung fand. National in Deutschland sei der Text mit Ausnahme der Mitarbeiterzeitung "autogramm" noch nicht abgedruckt. Ob – und falls ja – wann die Anzeige auch hierzulande eine weitere Verbreitung findet, sei noch nicht entschieden. Erste Überlegungen gebe es aber.

Nicht unbedingt Schäden für "Made in Germany"

Continental-Chef Elmar Degenhart sieht in der Abgas-Affäre keine Gefahr für die Strahlkraft der gesamten deutschen Industrie, wenn dann für die Automobilindustrie. "Daraus zu konstruieren, dass für 'Made in Germany' Schaden entsteht, halte ich für übertrieben", sagte der Vorstandsvorsitzende des Autozulieferers bei einem Redaktionsbesuch der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Berlin.

Degenhart sagte zugleich, zwar sei es zu früh, über Auswirkungen für die Verkäufe der Autobauer zu spekulieren. "Aber ohne Zweifel wird dadurch der Ruf der deutschen Automobilindustrie zunächst einmal in Mitleidenschaft gezogen. Da wird Vertrauen verloren gehen – insbesondere bei internationalen Kunden."

Am ehesten könnten wohl Autokäufer in der VW-Heimat Deutschland den Wolfsburgern die Verfehlungen verzeihen. "Hier im eigenen Lande sind die Kunden näher am Thema dran, zeigen hohe Marken-Loyalität und sind daher vielleicht auch eher bereit, Fehler zu vergeben."

Jobs in Gefahr

Infolge des Abgasskandals scheinen nun auch erstmals Jobs in Gefahr zu sein. Ein Einbruch bei den Verkäufen und damit einhergehende Folgen für Produktion und Jobs seien nicht ausgeschlossen. "Sollte sich ein vorübergehender Beschäftigungsrückgang ergeben, wird Kurzarbeit wie in der Vergangenheit eine sinnvolle Möglichkeit sein", sagte ein Konzernsprecher am Samstag der Deutschen Presse-Agentur in Hannover.

Ein Sprecher der Arbeitnehmervertretung sagte wörtlich: "Als Betriebsrat werden wir alle Möglichkeiten unterstützen, um die Arbeitsplätze unserer Kolleginnen und Kollegen mit Leiharbeitsverträgen zu sichern. Wir wissen, dass der Vorstand andere Szenarien diskutiert." Der Vorstandssprecher meinte: "Der Vorstand unternimmt auch in dieser Krise alles, die Beschäftigung der Volkswagen-Mitarbeiter zu sichern." Bei Volkswagen arbeiten tausende Leiharbeiter.

Der Betriebsratssprecher sagte dazu: "Generell halten wir es für eine gute Initiative, wenn auch Kolleginnen und Kollegen mit Leiharbeitsverträgen zur Überbrückung schwieriger Situationen einbezogen werden. Wir sind der Bundesregierung dankbar, dass sie die Arbeitnehmer bei Volkswagen im Auge behält, die diese Krise nicht verursacht haben. Wir hoffen, der VW-Vorstand ist sich dessen auch bewusst."

Bundeskanzleramt schaltete sich ein

Der Sprecher bezog sich damit auf eine Statement aus dem Bundeskanzleramt, das sich einem Zeitungsbericht zufolge aus Sorge vor einem massivem Jobabbau bei Volkswagen in die Debatte um Kurzarbeitergeld-Zahlungen eingeschaltet hat. Das Kanzleramt prüfe, wie den 6.000 Leiharbeitern des Konzerns Kurzarbeitergeld gezahlt werden könne, berichteten "Bild" und "B.Z." unter Berufung auf Regierungskreise.

Die deutsche Bundesagentur für Arbeit lehne dies ab, da Leiharbeit vom Kurzarbeitergeld ausgeschlossen ist. Deutschlands Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hatte Anfang des Monats bereits angekündigt, die Kurzarbeiterhilfen bei VW auch auf Leiharbeiter ausweiten zu wollen. Hintergrund ist das angekündigte Sparprogramm des Autobauers im Zuge des Abgasskandals bei Volkswagen. Mit Hilfe von Kurzarbeitergeld können Betriebe Konjunktur- oder Auftragsflauten ohne Entlassungen überbrücken.

Volkswagen hatte Abgaswerte seiner älteren Dieselfahrzeuge mit einer Software manipuliert. Der Skandal gipfelte in der größten Firmenkrise der VW-Geschichte. Allein in Europa rufen die Wolfsburger ab nächstem Jahr 8,5 Millionen Diesel zu Nachbesserungen zurück in die Werkstatt. (APA/dpa)

  • Das Vertrauen kaputt gemacht.
    foto: apa/dpa/susann prautsch

    Das Vertrauen kaputt gemacht.

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