Hoffnungsträger für die Hofburg

17. Oktober 2015, 12:00
455 Postings

Wer überlegt, wer noch zögert – und wer die besten Chancen auf das Bundespräsidentenamt hat

Wien – Die Neujahrsansprache als Höhepunkt, alle paar Jahre eine Angelobung, dann und wann mahnende Worte an die Nation: Das Anforderungsprofil des höchten Amtes im Staate klingt bewältigbar – und dennoch ist die Auswahl der Kandidaten knifflig. Stärken und Schwächen vier potenzieller Präsidentschaftsanwärter:

Alexander Van der Bellen

apa/standard

Er ist derjenige, der von der eigenen Partei am meisten umworben, wenn nicht geradezu angefleht wird: Bitte kandidiere! Das Gehabe des "Professors", seine bedachte Art zu sprechen, die Ruhe, mit der er sich vor jeder seiner Antworten schier endlos Zeit nimmt, macht ihn auch für Politikersprech-frustrierte Wähler sympathisch. Der wohl größte Unterschied zum abwägenden Einerseits-andererseits von Amtsinhaber Heinz Fischer: Er ist einer, der Klartext redet – und Humor zeigt.

Dass er, wenn er mal keine Lust hat, auch für seine Grünen manchmal tagelang nicht erreichbar ist, ist für diese vielleicht weniger lustig. Ja, Alexander Van der Bellen, kann auch grantig sein, pofelt dann wohl noch eine mehr. Ob er eine FPÖ-geführte Regierung angeloben würde? "Ich würd's nicht tun", spekulierte er bei der Präsentation seiner Autobiografie bereits über mögliche Begleiterscheinungen des Amtes.

Mag Zufall sein, dass er das Buch gerade jetzt geschrieben hat. Oder nicht. Bei der EU-Wahl wollte er nicht antreten, weil ihm "die Kosten zu hoch waren", um "mein Leben zwischen Brüssel, Schwechat und Straßburg" zu verbringen. Diesmal brauchen ihn die Grünen mehr denn je. Alternativen gibt es nicht. Und nicht anzutreten und damit medial praktisch unterzugehen ist keine Alternative. Ob sich der Wirtschaftsprofessor bereits entschieden hat, will angeblich nicht einmal die grüne Parteichefin Eva Glawischnig wissen. Er selbst sagt: "Vielleicht."

Rudolf Hundstorfer

apa/standard

Ein Wahldebakel, das zum Aufruhr in der SPÖ und zum Sturz des Parteichefs führt: Dieses Szenario sieht so mancher Sozialdemokrat für das Frühjahr herandräuen. Der Grund: Die Kanzlerpartei tut sich schwer, einen überzeugenden Kandidaten für die Präsidentenwahl zu finden.

Im Angebot steht bisher nur Rudolf Hundstorfer, ein Funktionärstyp alter Schule. Der Sozialminister ist laut Umfragen zwar der beliebteste SP-Minister, doch das heißt angesichts bescheidener Konkurrenz wenig. Gemessen an ÖVP-Ressortchefs liegt der 63-Jährige nur im Mittelfeld.

Wie der geborene Wahlkämpfer wirkt der Wiener mit seinem gemütlichen bis behäbigen Habitus auch nicht. Im politischen Infight würde ihm der Makel des Mitglieds einer übel beleumundeten Regierung wie ein Mühlstein um den Hals hängen.

In der SPÖ wären deshalb viele froh, wenn ein überparteilicher, gemeinsamer Kandidat auftauchte. Dies könnte Geld und eine empfindliche Niederlage ersparen.

Andererseits: Hundstorfer hat schon mehrmals jene Lügen gestraft, die ihn unterschätzten, und sich als einstige "Verlegenheitslösung" zu einem der mächtigsten Männer der SPÖ gemausert. Als Gewerkschafter, der mit manchem Misserfolg in seiner Schulkarriere – "in Latein hatte ich keine Chance" – erfrischend offen umgeht, könnte er beim "kleinen Mann" punkten. Und Attribute wie Wahlkampfschwäche oder Profillosigkeit hat man einst auch einem anderen Kandidaten nachgesagt: Heinz Fischer.

Irmgard Griss

apa/standard

Alles begann mit einem vernichtenden Bericht über die Verstaatlichung der Kärntner-Pleitebank Hypo Alpe Adria. Irmgard Griss, bis dahin als ehemalige Präsidentin des Obersten Gerichtshof bekannt, erklärte, was alles falsch gelaufen war: sachlich und unaufgeregt. Ein, zwei Interviews später begann der Hype, und irgendwer auf Twitter, vor dem Fernseher oder im Pub sagte: "Griss for President."

Die 69-Jährige war überrascht, bis dann wirklich Parteien und Journalisten ihren Namen als mögliche Kandidatin nannten. Griss wollte dazu noch nichts sagen. Jetzt kann sie sich eine Kandidatur vorstellen, und schon heißt es: Selbstüberschätzung.

Für die Richterin spricht aber einiges. Sie ist eine Frau, in hohen Ämtern in Österreich eine Rarität, sie hat sich als Richterin einen Ruf erarbeitet, der auf diplomatische Fähigkeiten und hohe soziale Intelligenz schließen lässt, und sie verfügt über Managementkompetenzen. Dass sie politisch unerfahren ist, könnte frischen Wind versprechen, macht sie aber auch unberechenbar. Ein Bericht über ein Bankendesaster qualifiziert sie noch nicht für das höchste Amt. Und es fehlt ihr an Geld, wenn sie nicht von einer Partei aufgestellt wird, was sie ja ausschließt, weil sie sich politisch nicht vereinnahmen lassen will. Doch eine Kampagne ist teuer. Außerdem hängt es davon ab, welche Parteien ihre Kandidatur unterstützen wollen. Bisher haben FPÖ und Neos Interesse bekundet, aber noch keinen Beschluss gefasst.

Erwin Pröll

apa/standard

Der logische Kandidat ziert sich. Der nicht ganz uneitle Landesfürst wolle offiziös gebeten werden, munkelt man in der ÖVP. Doch dass ihn die Mission reizt, ist kein Geheimnis: Schon vor fünf Jahren kokettierte Erwin Pröll damit, zur Bundespräsidentenwahl anzutreten.

Damals fehlte allerdings eine Voraussetzung: Der vom Nimbus des ewigen Siegers umstrahlte niederösterreichische Landeshauptmann wird sich wohl nur dann in die Schlacht werfen, wenn ein Erfolg absehbar ist. Dies war angesichts von Heinz Fischer als Gegner alles andere als sicher.

Diesmal baut sich vorerst keine übermächtige Konkurrenz auf, womit Pröll seine erprobte Maschinerie in Gang setzen könnte. Auf dem flachen Land wird ein leistungsfähiger Parteiapparat bedingungslos für den Winzersohn aus Radlbrunn marschieren, reichweitenstarke Medien wie die Kronen Zeitung sorgen für Rückenwind. Weiter westlich mag er manchem als großkopferter Ostpolitiker erscheinen, doch der 68-Jährige ist wandlungsfähig. Autoritärer Regierungsstil kontrastiert mit Offenheit im persönlichen Umgang, wovon viele Sympathisanten aus ÖVP-fernen Lagern zeugen.

Pröll kann aber auch anders. Dann bricht der absolutistische Landespotentat aus ihm heraus und staucht zusammen, wer ihm die Quere kommt – undenkbar für einen der Contenance verpflichteten Präsidenten. Ein Youtube-Klassiker wird wieder die Runde machen: Pröll, wie er einen allzu couragierten Landpfarrer niederbügelt. (Marie-Theres Egyed, Gerald John, Karin Riss, 17.10.2015)

Share if you care.