Thomas Muster: "Ich bin bei Gott kein Diplomat"

Interview19. Oktober 2015, 11:13
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Am Montag begann das aufgewertete Tennisturnier in der Wiener Stadthalle. Die Dotation beträgt nun 2,3 Millionen Euro. Thomas Muster ist der Botschafter. Er spricht über Größenwahn, Jammern und Fußball

STANDARD: Die Erste Bank Open haben das Preisgeld vervierfacht, sind ein 500er-Turnier geworden. Größenwahn oder Notwendigkeit?

Muster: Es ist eine Notwendigkeit. Jahrelang kam von allen Ecken und Enden die Forderung, Wien muss was tun, wer braucht das, es ist uninteressant. Macht man den Schritt in die vernünftige Richtung, werden wieder Stimmen laut. Warum? Wieso? Wer soll das bezahlen? Die einzige realistische Alternative für Wien zu einem großen Turnier ist kein Turnier.

STANDARD: Trotzdem. Steigende Arbeitslosigkeit, Sparmaßnahmen, Wirtschaftskrise, die Menschen haben Angst vor der Zukunft. Und das Wiener Tennisturnier vervielfacht sich. Passt das zusammen?

Muster: Da habe ich keine Bedenken. Die Spieler fordern pro Jahr rund zehn Prozent mehr Preisgeld. Man kann sagen, das ist vermessen oder nicht. Solange es der Markt hergibt, wird es funktionieren. Irgendwann wird sich der Markt selber bereinigen.

STANDARD: Bei allem Respekt vor David Ferrer, der Weltranglistenachte ist topgesetzt, macht sich die Aufstockung im Starterfeld eher nicht bemerkbar. Im Vorjahr war zusätzlich Andy Murray da, er hat im Finale Ferrer geschlagen.

Muster: Murray war ein Zufall, er brauchte Punkte. Die Dichte des Feldes war nicht annähernd so hoch wie jetzt, der Vorverkauf ist weit besser. Natürlich kann man sich fragen, warum kommt keiner der großen Vier. Djokovic, Federer, Nadal und Murray kosten jeweils mehr als eine Million Euro, es gibt eben Grenzen. Zahlt das keiner mehr, müssen sie es billiger geben. Vielleicht sind sie die letzte Generation, die so richtig abcasht. Aber vielleicht gibt es in zehn Jahren das zehnfache Preisgeld, keine Ahnung.

STANDARD: Das Quartett erreichte die Popularität ausschließlich durch die hohe Anzahl an Siegen, nicht durch große Sprüche.

Muster: Ideal wäre ein Spieler, der so oft gewinnt wie Djokovic und zusätzlich Sprüche klopft. Den gibt es aber nicht. Weil die Perfektionierung des Sports totale Konzentration erfordert, keine Spompanadeln zulässt. Würde es einen geben, der den Mund weit aufmacht, hieße es, der ist abgehoben. Der, der ein Haar in der Suppe finden will, findet es. Darin sind wir Österreicher Meister. Wir sind nie zufrieden mit dem, was wir gerade präsentiert bekommen.

STANDARD: Sie sind mit Turnierdirektor Herwig Straka befreundet. Er möchte 2022 den Ryder Cup, das größte Golfturnier, nach Österreich holen. Bedarf es gerade in unsicheren Zeiten Menschen mit Visionen?

Muster: Ja. Es ist wichtig, dass Leute noch an etwas glauben, gejammert wird eh jeden Tag. Es ging immer auch um Brot und Spiele.

STANDARD: Sie sind Botschafter des Tennisturniers. Gefällt Ihnen diese Bezeichnung? Muster und Diplomatie sind eher ein Widerspruch.

Muster: Ich vertrete das Turnier nach außen, bin bei Gott kein Diplomat. Ich will nie einer sein, weil ich zu geradlinig, zu untypisch österreichisch bin. Die Arbeit findet hinter den Kulissen statt. Man kann ruhig Botschafter zu mir sagen. Undiplomatischer Botschafter.

STANDARD: Wie geht's dem Tennis generell?

Muster: Die größeren Turniere haben die bessere Chance zu überleben, als die kleineren. Es findet permanent eine Bereinigung statt. Im Spielerfeld, in der Weltrangliste, es wird größer besser, schöner, teurer. Ich glaube, dass es gerade noch gesund ist. Das gilt auch für Fußball. Im Tennis herrscht eine gewisse Arbeitsplatzsicherheit. Es ist zu schwierig, in die Top 50 zu kommen. Weil es auf dem Weg dorthin viel zu wenige Punkte gibt. Aber es reichen fünf gute Ergebnisse, um nicht rauszufallen. Zu meiner Zeit konnte man sich drei Erstrundenniederlagen infolge nicht leisten, da warst du weg. Für Veranstalter ist es ein Problem. Geldgeber aufzustellen. Weil man davon ausgeht, dass Sponsoren etwas herschenken. Blödsinn, sie sind Partner, profitieren. Dass sie fast niemanden einladen dürfen, macht die Sache sicher nicht einfacher. Mittlerweile steht hinter jeder Einladung ein Korruptionsverdacht.

STANDARD: Wie beurteilen Sie den Zustand des österreichischen Tennis. Bei den Damen ist kein Land in Sicht, das Daviscupteam ist weit weg von der Weltgruppe. Bleibt lediglich Dominic Thiem. Reicht er?

Muster: Durch Thiem gibt es eine Befeuerung, er ist in den Top 20. Man darf das nicht an meiner Person aufhängen, die Vergleiche sind fad, das war eine andere Zeit, eine andere Generation, es gab andere Voraussetzungen und Interessen. Jetzt leben wir im Internetzeitalter. Thiem wird es im Daviscup noch beweisen, ich traue ihm die Top Ten zu. Ich war einer der schärfsten Kritiker des Fußballteams, ich habe immer gesagt, spielen Legionäre, dann kann es etwas werden. Es hat halt ein paar Jahre gedauert. Dank eines Teamchefs, der alles im Griff hat, ist Österreich bei der EM. Ich finde das super. Wenn Leistungen erbracht werden, kommen die Emotionen. Das sollte auch im Tennis passieren. Wobei man im Fußball nicht übertreiben darf, die Leute reden schon vom EM-Titel. Ich nicht.

STANDARD: Im Fußball gibt es mittlerweile funktionierende Nachwuchsakademien. Kann das Tennis von den Fußballern lernen?

Muster: Fußball ist ein Massensport und Massenphänomen. Kinder mit Migrationshintergrund kicken, es ist eine Chance für den sozialen Aufstieg. Da hat Tennis keine Chance, es ist eher eine Elitensportart. Es ist zwar besser geworden, aber noch nicht perfekt.

STANDARD: Frage an den Botschafter. Warum sollen die Leute in die Wiener Stadthalle kommen?

Muster: Weil Sie kein besseres Tennis in Österreich aus der Nähe sehen werden. Die Halle ist lässig. Die großen Vier sind nur um Nuancen stärker. Ich bin ein Verfechter des weniger Jammerns. Das Glas ist für mich halbvoll, durch die Aufwertung ist es in Wien mehr als halbvoll. (Christian Hackl, 19.10.2015)

Thomas Muster (48) aus Leibnitz gewann 1995 die French Open und war Erster der Weltrangliste.

  • Thomas Muster: "Wichtig ist, dass Leute noch an etwas glauben. Es ging immer auch um Brot und Spiele."
    foto: apa/georg hochmuth

    Thomas Muster: "Wichtig ist, dass Leute noch an etwas glauben. Es ging immer auch um Brot und Spiele."

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