Pro und Kontra: SPÖ-Unterstützung für Van der Bellen

Kommentar16. Oktober 2015, 18:01
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Von dieser politischen Adoption könnten beide Seiten profitieren. Sie könnte aber auch eine fatale Wirkung haben

PRO: Holt den Professor heim!

von Gerald John

Mit Schrecken sehen Sozialdemokraten die Präsidentschaftswahl nahen. Wieder einmal fehlt der SPÖ nicht nur das Geld, sondern auch der passende Kandidat. Rudolf Hundstorfer macht als Sozialminister zwar keine schlechte Figur, doch die ihn umwölkende Aura des angegrauten Apparatschiks wird auch die bunteste Kampagne nicht übertünchen. Seine Chancen gegen einen Erwin Pröll, für den die schwarzen Kohorten ob und unter der Enns marschieren: bescheiden.

Höchste Zeit für die SPÖ, sich zu einem Kandidaten abseits des ewigen Kernschichtenprogramms durchzuringen – und da bietet sich eine geradezu perfekte Lösung an: Der ehemalige grüne Parteichef Alexander Van der Bellen könnte – sofern er sich zu einem Antreten überreden lässt – eine Strahlkraft über die Parteigrenzen hinweg entfalten, von der SPÖ-Politiker nur träumen können.

Rote Unterstützung für den grünen Professor verspricht beiden Seiten Profit: Die SPÖ könnte endlich beweisen, dass sie keine geschlossene Gesellschaft ist, in der man ohne Parteibuch nichts zählt. Die Grünen hätten bei der Präsidentenwahl einen starken Apparat im Rücken, der dem an sich kampagnenmüden Altstar Beine macht.

Jene Genossen, die diese politische Adoption als Armutszeugnis auffassen, seien getröstet: Van der Bellen wechselte einst aus dem Schoß der SPÖ zu den Grünen. Es ist Zeit, dem verlorenen Sohn wieder die Tür zu öffnen. (Gerald John, 16.10.2015)

KONTRA: Zeichen von Selbstaufgabe

von Petra Stuiber

Intern gibt es diese Überlegungen seit der bitteren Wahlniederlage in der Steiermark: Soll die SPÖ tatsächlich, wenn sich kein mehrheitsfähiger Kandidat mit tollen Beliebtheitswerten aufdrängt, mit einem teuren, aber letztlich unbedankten Präsidentschaftswahlkampf die nächste peinliche Niederlage einfahren? Die Partei würde wieder in eine Spirale negativer Nachrichten geraten, wieder würde womöglich Werner Faymanns Führungsrolle infrage gestellt.

Da wäre ein gemeinsamer Kandidat besser (und billiger), am liebsten natürlich mit dem Koalitionspartner ÖVP, notfalls auch mit den Grünen. Diese Überlegungen mögen, pragmatisch betrachtet, etwas für sich haben. Schönreden kann man sich alles. Aber das hieße, dass die Sozialdemokraten ohne Not darauf verzichten, das erste Amt im Staate anzustreben. Das hätte eine fatale Wirkung.

Nirgendwo steht freilich geschrieben, dass man jene Kandidaten nehmen muss, die sich freiwillig melden – darin ist Hannes Androsch zuzustimmen, der diesen Automatismus bereits im Sommer im STANDARD-Interview kritisierte. Bruno Kreisky fuhr blendend damit, als er die SPÖ zwang, das ehemalige ÖAAB-Mitglied Rudolf Kirchschläger als unabhängigen Kandidaten zu unterstützen. Das sollte man wieder überlegen. Es wäre ein Signal der Öffnung. Alles andere grenzt an Selbstaufgabe. (Petra Stuiber, 16.10.2015)


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