Buch: Heuchelei mit der "Islamophobie"

17. Oktober 2015, 08:00
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Eine nachgelassene Polemik des ermordeten "Charlie"-Chefredakteurs Charb

Am 5. Jänner dieses Jahres hat Charb, der Chefredakteur von Charlie Hebdo, das Manuskript seines Buchs Brief an die Heuchler abgegeben, zwei Tage später wurde er ermordet. Pointenreich und prägnant erklärt er in diesem kurzen Werk seine Aversion gegen den Begriff "Islamophobie", ein Wort im original-französischen Titel, das in der deutschen Übersetzung leider weggelassen wurde.

Seine Argumente richten sich auch gegen einen Teil der Linken, die "Gutmenschen", für die der Schutz von Religionen – hier des Islam – wichtiger als der Kampf gegen den Rassismus geworden ist. Wenn eine Frau, deren Eltern aus Algerien stammen, keine Wohnung in Paris findet, ist es dann wirklich deshalb, weil sie Muslimin ist? Es kann gut sein, dass sie Atheistin ist. Wenn einem Schwarzafrikaner aus Togo der Zutritt zu einer Disco verweigert wird, dann sicher nicht, weil der Türsteher in ihm einen Muslim sieht (der Togoleser könnte ohne weiteres auch Christ sein). Charb bringt es lapidar auf dem Punkt: "Opfer des Rassismus, die von Roma abstammen oder aus Indien, Asien, Schwarzafrika, den Antillen usw. kommen, wären gut beraten, sich für ihren Schutz nach einer Religion umzusehen."

Die Verbreitung des Begriffs "Islamophobie" verbietet jede Kritik an der muslimischen Religion. Man sollte aber den Unterschied klarer sehen zwischen dem typisch rassistischen Hass auf Menschen und der Abneigung gegenüber einer Idee, wenn man zum Beispiel behauptet, der Koran sei ein schlechtes Buch, sofern man ihn als Ratgeber für seine Lebensführung betrachtet. Leute, die gegen den Kommunismus sind, nennt man doch auch nicht "kommunistophob", merkt Charb an, sondern Antikommunisten. Auch die Mohammed-Zeichnungen richten sich seiner Meinung nach nicht gegen die muslimische Gemeinschaft, sondern gegen Fanatiker, die den Koran befolgen "wie andere eine Ikea-Bauanleitung". Dem sollte man hinzufügen, dass laut einer Studie nur ein Prozent der Titelseiten von Charlie Hebdo in den vergangenen zehn Jahren den Islam zum Hauptthema hatte. Der französische Journalist findet auch, dass beim Begriff "Islamophobie" eine Art Paternalismus mitschwingt, so als ob Muslime keinen Unterschied zwischen dem Jihadisten und dem einfachen Gläubigen ausmachen könnten.

Das Buch spielt häufig auf die politische Lage in Frankreich an. Charb kritisiert zum Beispiel François Hollande, der im Februar 2014 die Große Moschee von Paris besucht hat, um die "muslimischen Soldaten" des Ersten Weltkriegs zu ehren. Für Charb war dies eine durchsichtige Strategie für die kommenden Wahlen, um mögliche "muslimische Stimmen" zu gewinnen. "Es ist ganz normal, dass führende Vertreter der islamischen Religion den im Ersten Weltkrieg gefallenen Muslimen die letzte Ehre erweisen. Aber es ist absurd, wenn ein Staatspräsident Muslimen, die angeblich 'für Frankreich gestorben sind', die letzte Ehre erweist: Die kolonialisierten, ausgebeuteten und versklavten Männer, die damals in den meisten Fällen zusammengetrieben und zwangsrekrutiert wurden, starben nicht als Muslime für Frankreich. Sie starben als billiges Kanonenfutter." Und weiter, wieder schnell auf dem Punkt gebracht: "Liebe Genossen, liebe Sozialisten, vielleicht sollte man die Kolonialisierten von gestern nicht für die Dummköpfe von heute halten."

Dieses Buch kann vielen heimischen Politikern und Meinungsmachern empfohlen werden. Im Jänner hatte etwa Kardinal Christoph Schönborn einen ominösen Vergleich gezogen, als er in einem Boulevardblatt schrieb: "Unser Land hat eine traurige Geschichte von verhetzenden Karikaturen. Ich denke an die hasserfüllten antisemitischen Karikaturen des späten 19. Jahrhunderts. Diese giftige Saat ist aufgegangen und hat zu den Massenmorden an den Juden beigetragen. Hätte es damals deutliche Schritte gegen diese Hetze gegeben, vielleicht wären viel Leid und schreckliche Schuld vermieden worden." Charb zeigt, warum diese Parallele absolut unzulässig ist: Hetze ist gegen Menschen gerichtet, nicht gegen Ideen. Er fragt, ob es in den 1930er-Jahren einen jüdischen internationalen Terrorismus gab, ob ein fliegender orthodoxer Jude je mit einem Flugzeug ins Empire State Building geflogen wäre oder ob in vielen Ländern ein jüdisches Äquivalent zur Scharia existierte. Mandarf Angst vor islamistischem Terrorismus haben.

"Wer die Dinge beim falschen Namen nennt, trägt zum Unglück der Welt bei!", schrieb Albert Camus. Charb zeigt, dass der Begriff "Islamophobie" schon längst auf den Scherbenhaufen der Geschichte gehört. (Jérôme Segal, 17.10.2015)

Charb, "Brief an die Heuchler. Und wie sie den Rassisten in die Hände spielen", € 12 / 96 Seiten, Klett Cotta, Stuttgart 2015

  • Stephane Charbonnier alias Charb
    foto: ap/michel euler

    Stephane Charbonnier alias Charb

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