Im Gemeindebau

Kolumne16. Oktober 2015, 17:21
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Die Errungenschaften der Sozialdemokratie werden wieder als bedroht angesehen

Die Gemeindebauten, in denen ich einen Teil meiner Kindheit und Jugend verbracht habe, dürften, bis auf eine, allerdings sehr bedeutende Ausnahme, bei der Wiener Wahl "gehalten" haben. Der Sandleitenhof im 16. Bezirk, seinerzeit mit rund 5000 Bewohnern die größte Anlage sozialdemokratischer Arbeiterkultur der Ersten Republik, hat allerdings einen leichten blauen Überhang.

Das Leben im Gemeindebau der späten Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre war schön und nicht ohne Härten. Schön, weil die großzügigen begrünten Höfe, die relativ kleinen, aber funktionalen Wohnungen ein gewaltiger Fortschritt gegenüber den Zinskasernen der Jahrhundertwende darstellten. Hart, weil die Eltern relativ wenig Geld hatten und in diesen Arbeiterbezirken ein manchmal herzlicher, aber viel öfter sehr rauer Ton herrschte. Es gab auch damals gewalttätige Jugendbanden ("Platten"), sie hießen nur Franz (ausgesprochen: "Franz") und Josef (ausgesprochen: "Joe"). Vereinzelt schon Dragomir. Aber nicht Süleyman und Mohamed.

Es gab krassen Klientelismus. Jeden Monat kam pünktlich der Hausvertrauensmann und kassierte den Mitgliedsbeitrag (ohne Parteibuch keine Gemeindewohnung!). Es gab aber auch so etwas wie eine Arbeiterkultur, es gab ausgeprägtes politisches Bewusstsein.

Nach dem verlorenen Bürgerkrieg 1934 lief allerdings ein nicht unbeträchtlicher Teil der Arbeiter zu den Nazis über. Sie waren "links", aber das waren die Nazis in gewissem Sinne auch. Es gab Arbeit, zwar für die Rüstung, aber immerhin, und es gab Sozialleistungen. Nur für Arier allerdings. Im neuerdings blauen Wels wurde soeben Ähnliches beschlossen.

Die eigenen sozialdemokratischen Führer hatten jedenfalls kläglich versagt. Sie hatten die Errungenschaften der Arbeiterklasse nicht behaupten können.

Dieses Phänomen sehen wir – bei allen Unterschieden – heute auch. Den typischen Industriearbeiter gibt es zwar kaum mehr; das "Proletariat" hat es zu etwas gebracht; die Sozialleistungen sind weitaus umfangreicher als noch in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Manche Gemeindebauten bieten geradezu Luxus (Schwimmbad auf dem Dach). Die FPÖ hat dort eine satte Mehrheit. Insgesamt liegt die SPÖ in allen Gemeindebauten mit 44,2 Prozent nur hauchdünn vor der FPÖ mit 43,4 Prozent.

Aber die Errungenschaften der Sozialdemokratie werden wieder als bedroht angesehen. Unter anderem durch den Einzug der "Ausländer" (=Muslime) in den Gemeindebau. Zwei sehr unterschiedliche Lebenswelten treffen aufeinander und es wird dauern, bis sich das halbwegs abgeschliffen hat. Zweitens dürfte der Anteil jener, die nicht mehr eine Vollerwerbskarriere haben, sondern großteils vom Sozialstaat leben (müssen), schon sehr hoch sein. Das erzeugt tiefen Verdruss, obwohl es ihnen relativ gut geht. Das ist, man muss es so hart sagen, wieder eine Gefahr für die Demokratie. Nicht so dramatisch wie in den Dreißigerjahren, aber dramatisch genug.

Das "Ausländerproblem" ist nur durch Assimilation halbwegs zu bewältigen, das dauert. Kürzerfristig müssen die SPÖ, aber auch die anderen gemäßigten Parteien, alle ihre geistigen Reserven mobilisieren, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Denn im Gemeindebau ist man nicht dankbar, sondern fragt: "Was tut ihr jetzt für uns?" (Hans Rauscher, 16.10.2015)

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