Warum man seine Darmspiegelung auf Facebook posten soll

Rezension21. November 2015, 17:06
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Der Satiriker Peter Wittkamp erklärt in einem neuen Buch, wie man zum perfekten Internetnutzer wird

Der Ritterschlag kommt – in Punkto Hipness – von ganz oben: Peter Wittkamp sei der "beste und lustigste Autor Deutschlands", lobte ZDF-Moderator Jan Böhmermann unlängst. Kein Wunder: Böhmermann (der als Shootingstar des deutschen Fernsehens gilt) und Wittkamp teilen sich einen Humor. Nämlich jenen, die Ausdrucksweise und Handlungen der "Spießbürger" genau so zu übernehmen, dass dieser dadurch veräppelt wird. Die finden sich mittlerweile zuhauf im Netz: Weshalb es sich Wittkamp nicht nehmen lässt, in seinem neuen Buch "Poste deine Darmspiegelung" die nervigsten – sprich erfolgreichsten – Strategien für Onlinekommunikation unter die Lupe zu nehmen.

Smileys, Smileys, Smileys

Die erste Lektion ist naheliegend: "Verwenden Sie ausreichend Smileys!", empfiehlt Wittkamp. Er legt Nutzern ans Herz, in jeden Satz mindestens ein Emoji zu gleschen – "gerne auch mehrere". Zahlenvorgaben erleichtern in Wittkamps Buch die Orientierung: Mindestens 40 Facebook-Postings sollen täglich abgesetzt werden, zusätzlich sollte man noch rund zehn Sinnsprüche teilen. Fortgeschrittene führt der Autor dann in die Kunst des "Vaguebookings" ein: Darunter versteht man Facebook-Postings, die mysteriös sind und Leser zu Spekulationen treiben sollen. Etwa: "Endlich!" oder "Hier passiert gerade der pure Albtraum!"

Rechtschreibung ist egal

Und auch wenn Wittkamp natürlich übertreibt – ein Funken Wahrheit ist in seinen Beobachtungen jedenfalls zu finden. So ist den meisten nach wie vor unverständlich, warum manche Freunde sie mit Einladungen zu Facebook-Spielen bombardieren. Aber auch der Diskurs im Netz – die typische Onlinedebatte – kommt bei Wittkamp nicht gut weg. Drei Themen muss jeder engagierte Internetnutzer laut "Poste deine Darmspiegelung" auf jeden Fall kommentieren: Vegane Ernährung, Der Islam in Deutschland und "Das Dschungelcamp". Auf Rechtschreibung könne dabei aber laut Wittkamp gepfiffen werden.

peter wittkamp

Google Plus "zum Entspannen"

Aber auch Plattformen abseits des Hegemons Facebook kommen bei Wittkamp nicht gut weg: Google Plus könne man etwa nutzen, um sich eine Auszeit von der "Hektik des Internets" zu nehmen. Auf Instagram solle man hingegen wirklich jedes Foto teilen, das man schieße. Twitter sei dafür komplett zu ignorieren.

Brillanter Beobachter

Wittkamp ist auf jeden Fall ein brillanter Beobachter der gängigen Onlinekommunikation, der die durchaus nervtötenden Angewohnheiten mancher Nutzer pointiert zur Schau stellt. Tatsächlich zeigen sich auch Intellektuelle und Netzpioniere mit der Entwicklung des Internets enttäuscht; der geflügelte Spruch von "Katzen und Pornos", aus denen das Internet zu 90 Prozent bestünde, kommt nicht von ungefähr. Oder, um es in den Worten von Netzkritiker Evgeny Morozow zu sagen: "Die Technologie ändert sich ständig, die menschliche Natur kaum je." (fsc, 21.11.2015)

  • Wittkamp nimmt die Onlinekommunikation auf Facebook und Co unter die Lupe
    foto: apa/epa/linh

    Wittkamp nimmt die Onlinekommunikation auf Facebook und Co unter die Lupe

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