Yevgenia Belorusets: Unsichtbare Gesichter

17. Oktober 2015, 12:00
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Die Fotografin und Schriftstellerin über den absurden Alltag in der Ostukraine

Geschichte wird von den Siegern geschrieben, die Besiegten werden ihrer Stimme beraubt. Weder hören noch schreiben oder erforschen wir die von ihnen gemachte Geschichte. Außerdem gibt es in diesem Krieg nicht einmal einen formalen Sieger. Die Besiegten sind, wie üblich, vermutlich alle. Und in erster Linie jene, die am Rande des Krieges leben müssen. Mein Blick ist auf den Alltag konzentriert, weil der Alltag meiner Meinung nach die allergrößte Herausforderung darstellt.

Die Fotos wurden 2014/15 im Osten der Ukraine in Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Menschen gemacht, die bereit waren, am Fotografierprozess teilzunehmen. Die Serie entstand auf dem Schlachtfeld Ostukraine, zum Teil direkt an der Frontlinie. Dass es sich dabei auch um eine Linie des Friedens, des Nichtkrieges handelte, war in erster Linie für mich selbst von Bedeutung. Als solche blieb mir der Ort im Gedächtnis, insbesondere vor dem Hintergrund von Kampfhandlungen und Klangkulisse der Artillerie.

Die großen Betriebe und vor allem die Kohlenschächte der Ostukraine arbeiteten während des Krieges ununterbrochen weiter, als sie unter Beschuss lagen genauso wie vor und nach der Okkupation der Städte durch die Separatisten. Was ist an diesem Umstand bemerkenswert? Wie können Leben und Arbeit an einem Ort weitergehen, wenn sie durch ganz andere Sachlagen verdrängt werden? Als da sind: permanente Lebensgefahr, Schützengräben, militärische Formationen höchst unterschiedlicher Legitimität, Propaganda und der Aufruf an alle, sich am Kampf zu beteiligen ...

Ich habe keine Antwort auf diese Frage. Mir kommt es so vor, als würde ich mit meiner Kamera in den undurchdringbaren Nebel einer amorphen Wirklichkeit starren. Deren Konturen lösen sich auf, alles ist im Höchstmaß unklar, die Absurdität dieser beiden Kriegsjahre machte jeglichen logischen Erklärungsversuch zunichte. Den unfreiwilligen "Teilnehmern" dieses Krieges, den Menschen des ukrainischen Donbass, wurden Stimme und Wahlfreiheit geraubt. Auf den Umstand, dass dieser Krieg gerade in ihrem Namen geführt wurde, reagierte Nikolaj aus Krasnoarmejsk, ein Bekannter von mir, manchmal mit Ratlosigkeit oder Sarkasmus. Der Großteil meiner Gesprächspartner distanzierte sich vom Krieg, der für sie nichts als eine unverständliche und abstruse Realität darstellt.

Von Anfang an wollten die Betriebe im Donbass nichts über Sinn und Zweck der Kampfhandlungen vor ihren Toren wissen, sie versuchten vielmehr, sich von der widerlichen Fratze des Krieges einfach abzuschotten. Das ist ihnen gelungen. Nikolaj verrichtete seine Arbeit, die ohnehin immer lebensgefährlich ist. Er fuhr tausend Meter in die Tiefe, zog sein Hemd aus, haute Kohle, und hoffte, der Aufzug würde durch keine Granate beschädigt, wenn er und seine Freunde wieder ans Tageslicht auffahren wollten. Die Betriebe bekamen monatelang kein Geld, um Löhne auszuzahlen. Trotzdem arbeiteten die Kohleschächte, die sich vielfach an der Frontlinie befanden, ohne Löhne weiter. Von der Gesellschaft wurde diese Entscheidung, in Zeiten des Krieges ein friedliches Leben weiterzuführen, nicht wahrgenommen, die Bedeutung dessen hat man bis heute in ihrer Tragweite nicht verstanden. Das Leben ganzer Städte hing von diesen Betrieben ab. Allein aufgrund dieser Entscheidung wurde die Zerstörung der zahlreichen sogenannten Monostädte der Ostukraine verhindert.

Noch ist es zu früh, über den Krieg in der Ukraine in der Vergangenheitsform zu sprechen. Das gilt umso mehr, als dieser Krieg nicht vergessen werden darf, mag sich Putins Initiative jetzt auch nach Syrien verlagert haben. Es gibt noch immer hunderttausende ukrainische Flüchtlinge, noch immer droht der Ukraine – und in der Folge Europa – eine humanitäre Katastrophe. In den okkupierten Teilen des Donbass wurde für alle, die nicht rechtzeitig weggingen, eine Zone totaler Rechtlosigkeit geschaffen.

Die Anstrengungen aller an dieser Fotoserie Beteiligten, den Frieden und den Wert des Friedens ganz bewusst aufrechtzuerhalten, sollen nicht umsonst gewesen sein. Die Hoffnungen der ukrainischen Zivilgesellschaft auf soziale Gerechtigkeit und reale Demokratie bedürfen heute mehr denn je allseitiger Unterstützung. Der Zweck dieses absurden Krieges ist nicht irgendwelche imperiale Träumerei, sein einziger Sinn besteht darin, diese Hoffnungen zu begraben. (Yevgenia Belorusets, Album, 16.10.2015)

Übersetzung: Erich Klein

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  • Die Fotografin und Schriftstellerin Yevgenia Belorusets.
    foto: privat

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