Blut in Paris, Spritzwein in Wien

Kolumne16. Oktober 2015, 17:00
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Herbstrückkehr in die Heimatstadt

Kolumnist Winder meldet sich gehorsamst zum Dienst zurück. Aus Zufall oder höherer Fügung lag mein Urlaub genau so, dass der letzte Urlaubstag mit dem Tag der Wien-Wahl zusammenfiel, sodass ich meine Stimme zuvor per Brief abgeben musste.

Ganz okay ist das nicht. Von einem guten Stadtbürger erwartet man, dass er bis zur letzten Minute vor Ort mit Familie, Freunden und Bekannten über Politik debattiert, ehe er dann nach messerscharfer Erwägung am Wahltag sein Kreuz macht und den Zettel in die Urne wirft.

Ich trieb mich stattdessen in Paris herum und nahm nicht nur Urlaub von Wien, sondern auch Urlaub von der gewohnten veganen Lebensweise. Versuchen Sie einmal, ohne große Verrenkungen in Paris vegan zu essen. Genauso gut könnten Sie versuchen, den Eiffelturm als Zahnstocher zu verwenden. Statt Chili sin carne und Tofu gab es tagelang Escargots, Saucisson sec, Camembert und Steaks frites, bei denen sich beim Anschneiden des Rindsmuskelfleischs das Blut wie eine Fontäne über die Fritten ergießt. Am Ende fühlte ich mich, als hätte ich die Hälfte des französischen Viehbestandes verzehrt. Aber: wenn schon Auszeit vom Veganismus, dann gleich richtig. Außerdem waren ja eh der Kir und der Bordeaux vegan.

Zum Glück kam ich bei meiner Rückkehr nach Wien umgehend drauf, dass ich mir etwas erspart hatte: den Anblick der konzertierten Versuche nämlich, die Wahl krampfhaft auf ein "Duell" zwischen Häupl und Strache hinzutrimmen. Ja Schnecken. Das Duell war keines, sondern ein Nichtduell, und gewiss auch kein "Kopf-an-Kopf-Rennen".

Selbst wenn es ein "Kopf-an-Kopf-Rennen" gegeben hätte, wäre Strache mit seinem blauen Minikopf mit mindestens acht Prozent Schädellängendistanz hinter Häupl durch die Ziellinie gegangen. Schließlich ist Häupls Haupt durch Dezennien komfortabler Machtausübung und ellenlanger Sesshaftigkeit im Rathaus zu majestätisch-heimeliger Plutzerhaftigkeit angewachsen. Wann immer ich Michael Häupl sehe, fühle ich mich sofort zu Hause. Ein Spritzwein-Prost dem Herrn Bürgermeister!

Freilich: Für die SPÖ herrscht jetzt Handlungsbedarf. Man hört, das Rathaus wolle Kundschafter ausschicken, um die Menschen nach ihren Sorgen zu befragen. Es wäre wohl am besten, man finge damit in einem dieser neuen roten Proletenbezirke an, also in Döbling zum Beispiel. (Christoph Winder, Album, 16.10.2015)

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