Umberto Eco: Seitenlange Langeweile

21. Oktober 2015, 13:01
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Der italienische Autor erleidet mit einer Möchtegern-Mediensatire Schiffbruch

Es ist natürlich ungerecht: An einen Umberto Eco legt man automatisch andere Maßstäbe an als an so manchen anderen Schriftsteller. Aber selbst wenn man die Erwartungen nicht zu hoch schraubt, ist "Nullnummer" eine Enttäuschung.

Der – brüchige – rote Faden der Geschichte ist schnell erzählt. Ein nebuloser Medienmogul, der "Commendatore", der unvermeidlich an Berlusconi erinnert, will eine "Zeitung" gründen oder zumindest so tun, um Konkurrenten einzuschüchtern und seinen gesellschaftlichen Status zu polieren. Zu diesem Zweck wird 1992 in Mailand eine drittklassige Truppe zusammengetrommelt, die eine "Nullnummer" kreieren soll. Mit dabei ist der Ich-Erzähler, ein fünfzigjähriger, mäßig erfolgreicher Lektor und Übersetzer namens Colonna.

Selbstredend ist hier Platz für Medienschelte. Als Meister der Sprache, der Eco ist, nimmt er die unsäglichen Quacksprechphrasen bei den "Meetings" aufs Korn, und das ist lustig, denn dieses Gesülze quält jeden, der mit Sprache noch Inhalte transportieren will. Dann ist da noch das Henne-Ei-Problem: Müssen sich Medien, die auf dem Markt überleben wollen, tatsächlich auf geistig minderbemittelte Leser einstellen, oder sind die Leser so dumm, weil sie durch schwachsinnige Medien systematisch verblödet werden?

Das hat man anderswo schon pointierter gelesen. Aber gut, bis dahin besteht noch Hoffnung, dass Ecos stilistisch geschliffene Fingerübung an Fahrt gewinnen wird. Doch dann kommt der "Aufdecker" Braggadocio ins Spiel, der Colonna mit den abenteuerlichsten Verschwörungstheorien zusülzt. Ausgehend von der Hypothese, dass Mussolini noch immer lebt, und zwar in Argentinien, wo sonst, konstruiert Braggadocio einen wüsten Mix aus paranoiden Theorien, in denen sämtliche Geheimdienste, der Vatikan und seine Banker, die alten Faschistennetzwerke und überhaupt alle Bösen ihrer finsteren Mission nachgehen.

Man hat den Eindruck, dass Eco hier alles verwertet, was in seinen anderen Werken keine Verwendung gefunden hat. Wenn zum Beispiel seitenlang die skurrilen Namen absurder Ritterorden zitiert werden, hat das mit der Geschichte gar nichts zu tun. Es langweilt einen derart, dass man noch nicht einmal versucht ist, die Namen dieser klandestinen Clownclubs nachzugoogeln. Dass Braggadocio ermordet wird, bringt auch nicht mehr Licht in die Sache. Colonna bekommt es jedenfalls mit der Angst, schließlich ist er auch anfällig für Paranoia.

Ist "Nullnummer" ein Krimi? Wohl nicht. Eine Satire? Dazu ist der Text zu wenig geschärft. Manches wirkt altbacken, so als ob sich der Autor den Frust über Journalisten von der Seele schreiben wollte. Aber das geht doch wohl besser. Die politischen Zustände in Italien sind auch bekannt, die Skandale noch einmal aufzuzählen ist witzlos. Dass alles irgendwie mit allem zusammenhängt und man die Puzzlesteine beliebig zusammenfügen kann, haben andere schon spannender vorgeführt.

Warum übrigens immer von der Nullnummer einer "Zeitung" die Rede ist, wo es sich doch um ein Monatsmagazin handeln soll, bleibt unklar, aber das ist auch schon egal. (Ingeborg Sperl, Album, 21.10.2015)

Umberto Eco, "Nullnummer". Übersetzung ins Deutsche: Burkhart Kroeber. € 21.90 / 231 Seiten, Hanser-Verlag, München 2015

  • Altbacken und witzlos: Umberto Ecos "Nullnummer" enttäuscht.
    foto: robert newald

    Altbacken und witzlos: Umberto Ecos "Nullnummer" enttäuscht.

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    cover: hanser-verlag
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