US-Historiker soll wegen "Beleidigung der polnischen Nation" vor Gericht

15. Oktober 2015, 21:48
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Jan Tomasz Gross schrieb, Polen hätten "mehr Juden als Deutsche getötet"

Warschau – Die polnische Justiz hat gegen den US-Historiker Jan Tomasz Gross ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Beleidigung der polnischen Nation eröffnet. Wie die Staatsanwaltschaft am Donnerstag mitteilte, muss Gross bei einem Schuldspruch nach Artikel 133 des polnischen Strafgesetzbuches mit bis zu drei Jahren Gefängnis rechnen.

Er soll sich wegen eines Beitrags in der deutschen Tageszeitung "Die Welt" aus dem September verantworten, in dem es heißt, die Polen hätten während des Zweiten Weltkriegs "mehr Juden als Deutsche getötet".

Gross beschäftigt sich in dem Beitrag für die "Welt" mit der mangelnden Bereitschaft osteuropäischer Länder, große Kontingente der in Europa eintreffenden Flüchtlinge aufzunehmen. Er erinnert die Osteuropäer daran, dass ihre Vorfahren, "seit Jahrhunderten massenweise ausgewandert" seien, um materiellem Elend und politischer Verfolgung zu entkommen.

In dem Beitrag "Die Osteuropäer haben kein Schamgefühl" schlägt Gross einen Bogen zwischen dem Verhalten in der Flüchtlingskrise und dem Verhalten im Zweiten Weltkrieg und wählt unter anderem folgenden Zwischentitel: "Polens hässliches Gesicht rührt aus der Nazi-Zeit".

Schon mehrfach löste Gross mit seinen historischen Arbeiten in Polen Kontroversen aus, unter anderem mit seinem Buch "Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne", bei dem es um ein Massaker an Juden im Osten Polens im Jahr 1941 ging, für das vor allem die polnischen Einwohner verantwortlich waren.

Die Staatsanwaltschaft erhielt nach Angaben ihres Sprechers Przemylaw Nowak mehr als einhundert Beschwerden, die sich durch den Beitrag von Gross in der "Welt" beleidigt sahen. Nun werde zunächst eine beglaubigte Übersetzung erstellt. Möglicherweise werde Gross dann zu den Vorwürfen befragt, sagte der Sprecher.

Nach seinen Veröffentlichungen über das Massaker von Jedwabne war Gross zunächst erheblichen Anfeindungen ausgesetzt. Eine Untersuchung des staatlichen Instituts für Erinnerung zur Aufarbeitung von nationalsozialistischen und stalinistischen Verbrechen kam 2003 zu dem Schluss, dass Gross' Darlegung richtig sei. Allerdings bestehen bis heute unterschiedliche Darstellungen über das Ausmaß des Massakers mit zwischen 340 und 1500 jüdischen Todesopfern. (APA, 15.10.2015)

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