Schwarzarbeit, Mietwucher und verlorene Generation

15. Oktober 2015, 17:47
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400.000 syrische Flüchtlingskinder in der Türkei gehen nicht in den Unterricht

Frage: Wie viel hat die Türkei bisher für die syrischen Flüchtlinge gezahlt?

Antwort: 18-mal mehr als die internationale Gemeinschaft – EU eingeschlossen –, wenn man den Angaben aus Ankara folgt. 7,6 Milliarden Dollar hat die Türkei seit dem Beginn des Kriegs in Syrien 2011 für die Aufnahme und Versorgung der Flüchtlinge ausgegeben, so rechnet die für die Lager zuständige türkische Katastrophenschutzbehörde Afad vor; 418 Millionen Dollar steuerte demnach der Rest der Welt für die syrischen Flüchtlinge in der Türkei bei.

Frage: Wie sind die Flüchtlinge in der Türkei verteilt?

Antwort: Zu Monatsbeginn waren 2,07 Millionen syrische Flüchtlinge in der Türkei registriert. Weitere Flüchtlinge werden im Gefolge der russischen Militärintervention in Syrien erwartet. Nur ein kleiner Teil der Familien lebt – zum Teil seit Jahren – in den zwei Dutzend Zeltlagern nahe der türkisch-syrischen Grenze: Rund 270.000 Syrer sind in den Lagern, 1,7 Millionen in den Großstädten, vor allem im Südosten, aber auch in Istanbul.

Frage: Können Flüchtlinge in der Türkei arbeiten?

Antwort: Legal in der Regel nicht. Angekündigt war im vergangenen Jahr noch eine Arbeitserlaubnis für syrische Flüchtlinge. Mit Verweis auf die steigende Arbeitslosenrate – die offiziell registrierte Arbeitslosigkeit in der Türkei liegt derzeit bei knapp unter zehn Prozent – verwarf die Regierung diesen Plan wieder. Syrische Familien bestreiten ihren Lebensunterhalt in den türkischen Großstädten im Allgemeinen aus eigenen Mitteln – Erspartem, Schwarzarbeit, Bettelei. Syrer müssen häufig sehr viel höhere Mieten zahlen. Die Profitmöglichkeiten für Wohnungsbesitzer sind so groß geworden, dass sich Türken über massive Teuerungen am Markt beklagen und auch gekündigt werden.

Frage: Wie werden die Flüchtlinge versorgt?

Antwort: Die konservativ-islamische Regierung hat sich lange geweigert, von "Flüchtlingen" zu sprechen, und nannte die Ankömmlinge aus Syrien lieber "Gäste". Damit sollte auch die eigene Bevölkerung beruhigt werden. Ankara lehnte zudem die Hilfe des UN-Flüchtlingshilfswerks ab; die Zusammenarbeit mit dem UNHCR ist mittlerweile intensiver geworden. Der Standard der von den türkischen Behörden geführten Lager gilt als gut; die Familien werden medizinisch betreut, die Kinder erhalten Unterricht. Anders ist es außerhalb der Lager. 400.000 der etwa 640.000 Flüchtlingskinder und Jugendlichen, so schätzt die türkische Regierung, besuchen derzeit keine Schule. Das türkische Bildungsministerium und gemeinnützige Vereine versuchen, hier und da in den Städten, einen Unterricht zu organisieren. Die syrischen Jugendlichen seien gefährdet, kriminell oder religiös radikalisiert zu werden, warnt die türkische Regierung.

Frage: Was zahlt die EU?

Antwort: Im Rahmen der Krisenhilfe hat die EU bis Juni dieses Jahres 44,6 Millionen Euro zur Versorgung der syrischen und irakischen Flüchtlinge in der Türkei beigetragen. (Markus Bernath, 15.10.2015)

  • Ein Flüchtlingscamp in der Türkei nahe der syrischen Grenze.
    foto: reuters / umit bektas

    Ein Flüchtlingscamp in der Türkei nahe der syrischen Grenze.

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