Wenn Wissenschafter aus der Hand lesen

18. Oktober 2015, 12:00
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Das Verhältnis von Ring- und Zeigefinger soll Rückschlüsse auf unterschiedliche Merkmale eines Menschen geben

Zeig mir deine Hände und ich sage dir, wer du bist: Ganz so simpel ist es natürlich nicht. Das Ablesen der Zukunft aus der Hand gehört eher auf den Jahrmarkt als in einen wissenschaftlichen Kontext. In einem Artikel im amerikanischen Magazin "The Atlantic" wurde vor kurzem aber Aspekten nachgegangen, die zumindest Wissenschafter ihren Probanden aus den Händen gelesen haben.

Die Hände eines Menschen werden im ersten Trimester einer Schwangerschaft gebildet. Manche Wissenschaftler sprechen daher laut Artikel von einer "fossilisierten Aufzeichnung" früher Entwicklung – die unter Umständen auch Aufschlüsse über die künftige Gesundheit geben könnte. Die Fingerlänge wird zudem als Marker für Geschlechtsunterschiede gesehen: Während bei Frauen der Zeigefinger meist länger ist, ist es bei Männern der Ringfinger.

Die Länge des Ringfingers dürfte Auskunft darüber geben, wieviel Testosteron der Mensch vor der Geburt ausgesetzt war. Eine Vielzahl an Studien hat ergeben, dass das Längenverhältnis zwischen Zeigefinger und Ringfinger mit unterschiedlichen Merkmalen korreliert.

Im Artikel werden Studien aufgelistet, wonach ein Mann, dessen Ringfinger länger als der Zeigefinger ist, wahrscheinlich ein attraktiveres Gesicht, ein größeres athletisches Talent, einen längeren Penis und mehr Kinder hat als ein Mann, dessen Ringfinger kürzer als sein Zeigefinger ist. Auch dazu, ob sich die Länge des Ringfingers auf die Sportlichkeit eines Menschen und die Wahrscheinlichkeit, übergewichtig zu werden, gibt es Studien.

Symmetrische Hände

Männer, deren Zeigefinger länger sind, sollen anfälliger für Herzerkrankungen und Schizophrenie sein. "Schizophrenie könnte mit einer Abweichung in der pränatalen Zirkulation von Testosteron zu tun haben", wird daraus in der Studie gefolgert. Für Frauen ließen sich diese Zusammenhänge nicht bestätigen.

Gleichzeitig wiederum lassen andere Studien vermuten, dass Männer mit langen Zeigefingern mit geringerer Wahrscheinlichkeit Autisten sind oder an ADHS leiden. Sogar zur Selbstkontrolle werden Rückschlüsse gemacht: In der "Marshmallow-Studie" wurde beispielsweise herausgefunden, dass Kinder mit längeren Zeige- als Ringfingern eher einer Versuchung (nämlich Marshmallows) widerstehen können.

Menschen mit symmetrischen Gesichtern werden gemeinhin als besonders schön empfunden. Aber auch Menschen mit symmetrischen Händen dürfen sich freuen: Männer, bei denen die Finger der rechten und der linken Hand gleich lang sind, haben laut Studien mehr und schnelleres Sperma. Männer mit ungleichen Händen, so eine andere Studie, geben dafür häufiger an, an Depressionen zu leiden.

Auch aus den Handflächen selbst liest die moderne Wissenschaft – darin finden sich nämlich Hinweise über die frühe Entwicklung: Menschen mit Down-Syndrom, fetalem Alkoholsyndrom oder Kinder von Frauen, die während ihrer Schwangerschaft die Masern hatten, haben mit größerer Wahrscheinlichkeit als andere Menschen eine Vierfingerfurche – also eine horizontale Linie, die sich über die gesamte Handfläche zieht.

Stärkere Fingerabdrücke

Außerdem gibt es Studien, in denen zumindest vermutet wird, dass ungewöhnliche Fingerabdrücke – etwa mit einer besonders hohen Anzahl an Wirbel, Bögen und Furchen – öfter bei Menschen auftreten, die unter Schizophrenie leiden oder die im mittleren Alter Diabetes entwickeln. "Fingerabdrücke könnten ein nützliches Instrument dabei sein, die vorgeburtliche Entwicklung zu untersuchen", heißt es in einer niederländischen Studie dazu.

Männer dürften zudem öfter ungewöhnliche Fingerabdrücke haben als Frauen – vielleicht, vermuten Forscher, weil männnliche Embryos sensibler auf Umwelteinflüsse reagieren. Vielleicht auch für Kriminelle interessant: Eine Studie besagt, dass Menschen, die Essen mit viel Salz und Konservierungsmitteln konsumieren, salzigere und feuchtere Fingerabdrücke hinterlassen, die bestimmte Metallarten stärker angreifen – und die im Fall des Falles am Tatort dann wiederum einfacher gefunden werden. (red, 18.10.12015)

  • Viele Studien haben sich mit dem Längenverhältnis von Ring- und Zeigefinger beschäftigt.
    foto: istockphoto

    Viele Studien haben sich mit dem Längenverhältnis von Ring- und Zeigefinger beschäftigt.

  • Was man wohl aus den Handflächen berühmter Winker lesen könnte? Im Bild: Beatrix, ehemalige Königin der Niederlande, und ihr Sohn und jetziger König Willem-Alexander.
    foto: epa/jasper juinen

    Was man wohl aus den Handflächen berühmter Winker lesen könnte? Im Bild: Beatrix, ehemalige Königin der Niederlande, und ihr Sohn und jetziger König Willem-Alexander.

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