Rundschau: Die Reichsflugscheiben sind gelandet

    Ansichtssache21. November 2015, 10:00
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    Science Fiction mit Retro-Touch von Stephen Baxter, Terry Pratchett, Frank Hebben und Zachary Jernigan

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    coverfoto: atlantis

    Frank W. Haubold: "Götterdämmerung: Das Licht von Duino"

    Broschiert, 450 Seiten, € 15,40, Atlantis 2015

    Zwei Jahre ist es mittlerweile her, dass Frank Haubold den Mittelteil seiner "Götterdämmerung"-Trilogie veröffentlicht hat, die nun mit "Das Licht von Duino" abgeschlossen ist. Da lagen eine Menge gelesene Bücher dazwischen, sicherheitshalber bin ich also erst einmal meine alten Rezensionen und anschließend die Kurzzusammenfassung am Beginn des Abschlussbands durchgegangen. Motive und Atmosphäre der vorangegangenen Bände sind mir klar in Erinnerung geblieben, aber für die Namen all der auftretenden Figuren – und derer gibt es viele! – brauchte es natürlich eine Auffrischung.

    Trotz dieser Hilfestellungen macht "Das Licht von Duino" anfangs einen recht hermetischen Eindruck. Nicht nur weil das Beziehungsgeflecht zwischen all den ProtagonistInnen sehr dicht geworden ist. Sondern auch weil Haubold weiterhin konsequent Infodumps verweigert. Entscheidende Informationen, die Antworten auf das Wo und Wie und Wann und Warum seines literarischen Kosmos geben, finden sich in weit verstreuten Passagen – und werden meist auch nur ein einziges Mal genannt, also besser genau lesen! Womit man allerdings kein Problem haben dürfte: Sobald man nach ein, zwei Kapiteln in den Groove gekommen ist, lässt einen die Erzählung nämlich auch nicht mehr so schnell los.

    Die Ausgangslage

    Zur Erinnerung: Die Menschheit, die im 28. Jahrhundert in einem kleinen und nicht allzu dicht bevölkerten Sternenföderatiönchen lebt, hat vor einiger Zeit erst einen Invasionskrieg überstanden, da baut sich bereits eine neue Welle des Ungemachs auf. Im Verlauf der ersten beiden Bände hat sich allerdings immer mehr der Eindruck verdichtet, dass hier nicht alles so ist, wie die ProtagonistInnen es glaubten. Ganz offen wird mittlerweile von einem großen, galaxisweiten Spiel gesprochen – und in dem könnten vermeintliche Spieler in Wahrheit nur Figuren, Schauplätze nur Kulissen und die Wirklichkeit selbst wandelbar sein. – Doch keine Angst, es geht nicht um ein "Matrix"-Szenario. Es ist viel komplizierter. Haubolds Science-Fantasy-Mystery wird mit einigen Enthüllungen und Twists Erinnerungen an Philip José Farmer ebenso wie an Dietmar Dath wecken, soviel sei gesagt.

    Aktiv sind in diesem Spiel neben Menschen (als Bauern) Künstliche Intelligenzen, Außerirdische, Unsterbliche, Götter, Engel und andere übernatürlich anmutende Wesen – die Grenzen zwischen diesen Kategorien sind als fließend anzusehen, ebenso wie die Grenze zwischen Spieler und Figur. Wobei es ja auch einen Unterschied macht, ob man als Bauer übers Brett ziehen muss wie die eigentlichen Hauptfiguren des Romans oder wenigstens Springer oder Dame sein darf. Als neue Kategorie kommen nun übrigens auch noch Zeitreisende hinzu. Gleich zu Beginn des Romans erfahren wir zu unserer Verblüffung, dass die Föderation durch einen Angriff von außen ausgelöscht worden ist. Vergangenheitsform. Wie sollen wir also jene sehr wohl existierende Föderation einstufen, in der wir uns nun schon seit drei Büchern befinden?

    Bleiben wir bei den Bauern

    Der ehemalige Detektiv John Varley ist einer der Menschen, die auf den Spuren des großen Rätsels durch die Galaxis ziehen. Mit der geheimnisvollen Ailin Ramakian hat er mittlerweile eine Begleiterin erhalten, die ihn geistig und körperlich verändert. Was natürlich eine ganz konkrete, aus dem Romankontext abgeleitete Bedeutung hat. Sich aber ehrlich gesagt trotzdem ein bisschen wie die mythologisierte Version eines Typen in der Midlife-Crisis liest, der durch eine neue Sexpartnerin wieder "jung" wird. "Das Licht von Duino" enthält nebenbei bemerkt mehr Sexszenen als zehn durchschnittliche Romane aus dem notorisch keuschen SF-Genre – eine ganz neutrale Feststellung.

    Die zweite Hauptfigur, der Flottenoffizier Raymond Farr, ist derweil mit Raumschiff und Mannschaft im Grauen Land gestrandet: einer endlosen Wüstenebene, in der sich gelegentlich Dinge oder Menschen unterschiedlichster Herkunft materialisieren. Hat ein bisschen was von der "Flusswelt", auch wenn hier etwas großzügigere Naturgesetze gelten. Haubold hat sich maximale schöpferische Freiheit gegönnt – und so dürfen wir unter anderem über Reiter mit Energieschilden staunen, die Speere mit Nuklearsprengköpfen werfen. Über eine "Flotte", die gleichermaßen aus Raumschiffen, Hubschraubern, Propellerflugzeugen und kurzerhand ebenfalls schwebenden Panzern und Segelschiffen besteht. Oder über ein Aufeinandertreffen von Mongolenhorden und Massenvernichtungswaffen.

    Zwischen Science Fiction und Fantasy

    Es werden tendenziell sciencefictioneske Erklärungen für einige der Mysterien hier gereicht – zum Beispiel ein See, der eine Art biologische Ursuppe enthält, aus der sich Klone historischer Persönlichkeiten züchten lassen. Vieles belässt Haubold aber mit voller Absicht im metaphysischen Bereich. Etwa was nicht verortbare Schauplätze wie das Graue Land oder einen Yggdrasil-artigen Weltenbaum betrifft, von dessen Stamm aus man Einblick ins gesamte Universum erlangt. Noch stärker in Richtung Fantasy ziehen den Roman religiöse Motive, ob sie nun aus der nordischen oder – vor allem gegen Ende hin – aus der christlichen Mythologie stammen. Passend dazu wird dann auch von einem "Auserwählten" die Rede sein, der allerdings kaum noch eine Rolle spielen wird.

    Und dann hätten wir da ja auch noch den Mann, der sich Jim Morrison nennt und den ich im vorangegangenen Band noch eher skeptisch gesehen habe. Abgesehen von etwas penetrantem Gesinge legt er hier aber einige beeindruckende Auftritte hin, erweist er sich doch als einer der wichtigeren Player im galaktischen Spiel. Das ihn übrigens anders als andere SpielerInnen, die total verbissen ihre Agenda verfolgen, köstlich amüsiert. Und ja, seinen wahren Namen können wir tatsächlich erraten.

    Alte Schule

    Irgendwie ist es ja süß, wenn ein Autor, den man nicht unbedingt einen Erzprogressiven nennen würde (siehe auch einige gesellschaftsbezogene Kommentare der "Götter" im Roman), ein Faible für den Sänger der Doors hat. Was einmal mehr zeigt, dass Konservativismus in erster Linie eine Funktion der Zeit ist. Irgendwann wird sicher auch Bushido noch ein Fall für die Brauchtumspflege.

    Das eine oder andere Rätsel gibt mir das Frauenbild auf, das der Roman zeichnet. Nicht, was die weiblichen Hauptfiguren Roberta Ortega oder Miriam Katana betrifft, die verhalten sich ganz wie das, was sie sind: Menschen, die halt zufälligerweise weibliches Geschlecht haben. Hin und wieder gibt's aber auch Stellen im Roman, die sich für mich lesen, als wären sie auch per Zeitreise angekommen. Zumindest ein kleines Stück. Und eines würde mich wirklich brennend interessieren: nämlich wie im Falle einer etwaigen Übersetzung ein angloamerikanischer Verlag das Wort Kakaoschönheit für seine LeserInnen aufbereiten würde.

    Lohnende Lektüre

    Aber das sind im Gesamten gesehen Kleinigkeiten. Was am Roman respektive der gesamten Trilogie beeindruckt, ist, wie Haubold eine Fülle an divergierenden und vermeintlich unvereinbaren Ideen unter einen Hut bringt. Sprachbeherrschung und ein kompromisslos auf rein persönlichen Prioritäten beruhendes Konzept (immer noch das beste Rezept!) halten das Ganze nicht nur zusammen, sondern geben ihm auch noch ein sehr individuelles Profil.

    Oft wirken deutsche Weltraumsagas wie aufgeblähte Perry-Rhodan-Romane ... was nicht zuletzt auch an personellen Querverbindungen liegen kann. Das tut die etwas andere "Götterdämmerung"-Trilogie nicht, die hat ihren ganz eigenen Klang. Und das ist letztlich das, worauf es ankommt.

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