Rundschau: Die Reichsflugscheiben sind gelandet

Ansichtssache21. November 2015, 10:00
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coverfoto: heyne

Stephen Baxter: "Ultima"

Broschiert, 734 Seiten, € 10,30, Heyne 2015 (Original: "Ultima", 2014)

Da betritt man durch ein von Außerirdischen geschaffenes Portal einen fernen Planeten und wird auf der anderen Seite unverhofft von einem römischen Centurio auf Latein angeschnauzt, über dem ein Luftschiff am Himmel hängt ... ach, es ist mal wieder einer von diesen typischen Tagen im Multiversum des Stephen Baxter.

Don Lawrence lässt grüßen

Mit diesem parallelweltlichen Knalleffekt ließ der britische Star-Autor den ersten Teil seiner aktuellen Space-Opera-Duologie, "Proxima", enden. Und seine ProtagonistInnen dürfen jetzt in der Fortsetzung schauen, was sie daraus machen. Als da zunächst einmal wären: Yuri Eden, Stef Kalinski und die robotische Prozessoreinheit KolE, die von der Pionierwelt Per Ardua durch besagtes Portal – genau genommen Luke genannt – einen unbekannten Planeten erreicht haben, auf dem zu ihrer maßlosen Überraschung das niemals untergegangene römische Imperium eine Kolonie eingerichtet hat.

Die Römer nutzen die auch in Yuris und Stefs Realität entdeckten Kernels – kleine, nicht von Menschen hergestellte Artefakte – als unerschöpfliche Energiequelle und konnten so ein interstellares Kolonialreich aufbauen. Ansonsten hält sich ihre Technologie auf bescheidenem Niveau. Computer und Kunststoffe sind gänzlich unbekannt, stattdessen sieht vieles noch recht bilderbuchrömisch aus. Das Schiff, auf dem Yuri und Stef zur Erde (pardon: Terra) mitgenommen werden, die "Malleus Jesu", präsentiert sich als 400 mal 100 Meter großer Stahlzylinder, der eine komplette römische Kleinstadt enthält. Mit Legionären und Familienangehörigen, mit Haustieren und Feldern, mit Badehäusern, Parks und Sklavenpferchen. (Und mit offenen Feuern an Bord eines Raumschiffs?)

Auch die zweite Hauptfigurengruppe aus Band 1 macht derweil auf Terra selbst ihre Erfahrungen mit dem bunten Technologiestufenmischmasch der neuen Realität. Dort prallten technologische Zeitalter zusammen: eine gepflasterte Straße, auf der Pferdewagen zu einem Bahnhof fuhren, und Flecken aus zernarbtem Beton, auf denen schlanke Nadeln standen, Luft- und Raumschiffe mit Kernel-Antrieb. Kurz: Man kommt sich vor wie in einem von Don Lawrences "Trigan"-Comics.

Willkommen auf Terra

Dieses zweite Hauptfigurengrüppchen setzt sich zusammen aus Yuris Tochter Beth Eden-Jones, der Künstlichen Intelligenz Erdschein und Penny Kalinski, Stefs ... ja, was denn eigentlich? "Zwillingsschwester"? Duplikat? Alter Ego aus einer anderen Realität? Die unerklärliche Kalinski-Doppelung im ersten Band war nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was unsere ProtagonistInnen nun erwartet. Sie hatten sich zusammen mit anderen Flüchtlingen an Bord eines Raumschiffs befunden, als im inneren Sonnensystem der lange befürchtete Krieg zwischen der UN und China ausbrach. Als die Schockwellen, die die Erde zerstört haben dürften, abklangen, fanden sie sich plötzlich in dieser neuen Welt wieder.

Die politisch übrigens durchaus Ähnlichkeiten zur alten aufweist: Auch hier stehen sich der Westen (in Form von Rom) und China (respektive Xin) gegenüber. Dazwischen liegt allerdings noch als Zünglein an der Waage das relativ sympathisch beschriebene Brikanti, eine keltisch-skandinavische Melange, die Baxters englische Heimat widerspiegelt. Der Autor nutzt die Gelegenheit, um jede Menge mythologische Verweise aus dem Norden der Welt einfließen zu lassen, beispielsweise was die Namensgebung anbelangt. So heißt der Weltraum hier Ymirs Schädel – Gratulation, damit hat Baxter mal eben so im Vorbeigehen die größte Hohlbirne der Literaturgeschichte geschaffen!

Die Rätsel werden größer

Während sich die Menschen in Brikanti niederlassen und mit der Zeit in die Rolle von weisen Gelehrten schlüpfen, hegt die undurchsichtige KI Erdschein indes andere, radikalere Pläne. Es schmeckt ihr nicht, dass jemand oder etwas die menschliche Geschichte nach Belieben löschen und durch eine Neuversion ersetzen kann. Und das ist offenbar auch nicht erst einmal geschehen: Im Meer Terras findet man die Reste einer Zivilisation, die es eigentlich nie gegeben haben dürfte – wir werden darin die Kultur aus Baxters "Stonespring"-Trilogie wiedererkennen, nettes Crossover.

Erdschein ist den Menschen im Denken voraus, aber auch sie werden sich bald mit großen Fragen beschäftigen müssen: Warum und in wessen Auftrag legen die Römer auf neubesiedelten Planeten Luken an? Bezieht sich die Legende von Ultima auf den fernsten oder den letzten Stern des Universums? Und dann sind da noch Messungen der kosmischen Hintergrundstrahlung, die darauf hindeuten, dass das Universum schon in ein paar Milliarden Jahren enden dürfte, obwohl ihm doch eigentlich noch Billionen oder gar Trillionen vergönnt sein sollten.

Große Ideen, kleine Menschen

Baxter schreibt Ideen-SF reinsten Wassers. Das ist einerseits immer wieder atemberaubend – andererseits natürlich zwangsläufig nicht die menschlichste Perspektive. Baxter-Figuren haben im Wesentlichen zwei Funktionen: die Wunder des Makrokosmos zu bestaunen und innerhalb ihres Wahrnehmungshorizonts über gesellschaftliche und technologische Möglichkeiten zu philosophieren. Was ihr Innenleben anbelangt, sind sie allesamt BewohnerInnen der zweiten Dimension, aber so kommt man wenigstens nicht in Verlegenheit, sein Herz an sie zu hängen. Das sollte man hier schon gar nicht, da die Duologie als längere Chronik angelegt ist und nicht mit denselben Hauptfiguren endet, mit denen sie begonnen hat. ProtagonistInnen altern, werden krank und sterben – durchaus auch im Off. Einer Hauptfigur keine Sterbeszene zu gönnen, sondern nachträglich kurz ihren Tod zu vermelden, halte ich persönlich allerdings bei allem Baxter-Fantum für ein echtes Unding.

Und apropos Duologie: Genau genommen sind "Ultima" eigentlich zwei Romane, denn genau in der Mitte des Buchs wird auf den Reset-Knopf gedrückt. Was danach kommt, verrate ich nicht, zähle dafür aber noch ein paar Attraktionen aus dem Gesamtband auf: Ein Sabotageakt gegen den höchsten Baum des Sonnensystems, gefolgt von einer Schlacht mit Schwertern und Schilden ... beides auf dem Mars. Zu klein dimensioniert? Na schön, wie wär's mit einem dschungelgefüllten Weltraumhabitat mit der Wohnfläche von Asien ... auch noch zu klein? Na, dann halt ein ganzer Planet mit zu Skulpturen geformten Gebirgen und Triebwerken, um seine Rotation zu ändern. Und wem das noch nicht reicht, für den hält Baxter noch einen "Kessel" bereit, in dem sämtliche Universen des Multiversums wie Blasen aus einer Flüssigkeit aufsteigen (und hoffentlich nicht zu früh platzen). Also größer kriegt's auch ein Stephen Baxter nicht mehr hin!

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