Wie ein Schwuler zu klingen hat

20. Oktober 2015, 05:30
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Ein US-Amerikaner macht sich in einer Dokumentation auf, um seine "homosexuell klingende" Stimme loszuwerden

Nach der Trennung von seinem Freund hatte David Thorpe einen "erhellenden Moment", wie er ihn heute nennt. Der Mittvierziger aus Brooklyn, New York, war weder selbstsicher noch glücklich und konnte es an einer Eigenschaft festmachen: seiner Stimme, die für ihn zu offensichtlich schwul klang. "Ich musste etwas tun", erzählt Thorpe.

Seine Therapie: eine Dokumentation mit dem Titel "Do I Sound Gay?" ("Klinge ich schwul?"). Darin rückt sich der US-Amerikaner selbst in den Handlungsfokus und lässt sich auf seinem Weg zu Sprachtherapeuten, homosexuellen Berühmtheiten aus Film und Fernsehen oder Wissenschaftern begleiten. All das, um herauszufinden, was die schwul klingende Stimme ausgelöst hat, wie sich homosexuelle Männer mit ihr fühlen und ob man sie auch wieder loswerden kann.

foto: zvg
David Thorpe wollte nicht mehr schwul klingen.

Auslöser von Diskriminierung

"Sexuelle Orientierung kann man nicht sehen. Wie jemand spricht oder sich bewegt, schon", lautet ein zentraler Satz der Dokumentation. Deshalb sei die vermeintlich schwule Stimme auch eine letzte Bastion der Homophobie, der Diskriminierung.

Der amerikanische Teenager Zach, der ebenfalls von Thorpe interviewt wurde, musste das am eigenen Leib spüren. Seine Klassenkameraden prügelten immer wieder auf ihn ein, weil er homosexuell ist. Ein Video des Übergriffs ging durch die Medien. Vor allem seine Art, sich zu bewegen, und seine weiblich klingende Stimme wären der Grund für die Attacke gewesen, heißt es.

Dabei lässt sich aufgrund der Stimme und Art zu sprechen nicht ableiten, welche sexuelle Orientierung ein Mensch hat. Der mittlerweile pensionierte Sprachwissenschafter Ron Smyth von der Universität Toronto beschäftigte sich seit Ende der 1990er-Jahre mit der "schwul klingenden Stimme". In Experimenten bat er Personen aufgrund der Sprachaufzeichnungen von 25 Männern, von denen 17 schwul waren, die sexuelle Orientierung der Sprecher zu erraten. Die Teilnehmer lagen nur in 62 Prozent der Fälle richtig. Tatsache war, dass die am heterosexuellsten klingende Stimme einem schwulen Mann und eine der am schwulsten klingenden Stimmen einem heterosexuellen Mann gehörte.

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Das Video des Übergriffs auf Zach in seiner Highschool ging durch die Medien.

Woher die Stimme kommt

Doch woher kommen dann die unterschiedlichen Färbungen der Stimme, und wieso verbindet man die eine Stimme mit Homosexualität? "Wir haben herausgefunden, dass wir unsere Art zu sprechen ganz stark von Vorbildern in der Kindheit annehmen", sagt Smyth. Verbringt ein Kind lieber Zeit mit männlichen Erwachsenen oder Gleichaltrigen, so nimmt es deren Art zu sprechen an, und umgekehrt.

Smyth, selbst homosexuell, erinnert sich noch ganz genau, wie er zu seiner "schwul klingenden Stimme" gekommen war: "Ich habe es geliebt, meiner Mutter stundenlang beim Telefonieren mit ihren Freundinnen zuzuhören, und habe dadurch die weibliche Art zu sprechen angenommen." Charakteristika der weiblichen Sprache – im Englischen – sind vor allem klarere Selbstlaute, längergezogene S-Laute oder überartikulierte Ps-, Ts- und Ks-Laute.

Auch Smyth hatte mit Ausgrenzung aufgrund der herrschenden Vorurteile zu kämpfen: Als Kind wurde er etwa von einer Gruppe Jugendlicher verprügelt, weil er sie auf ein Rauchverbot aufmerksam machen wollte. "Da stand dann dieser sehr männliche Typ vor mir, baute sich auf und machte in einer sehr übertriebenen Weise nach, wie ich gesprochen habe", erinnert sich Smyth: "In dem Moment dachte ich mir nur: Witzig, dass du so gut die weibliche Sprache nachmachen kannst, mich aber eine Schwuchtel nennst."

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Thorpe arbeitete monatelang an seiner Stimme.

Monatelange Therapie

Selbstverurteilung ist in den Kreisen homosexueller Männern weit verbreitet, wie Interviews in Thorpes Dokumentation zeigen. So sagt der schwule Kabarettist und Autor David Sedaris im Gespräch, dass er lange Probleme mit seiner Sprechweise hatte: "Hier sitze ich als geouteter, selbstbewusster schwuler Mann und freue mich, wenn mir dann doch jemand sagt, dass ich nicht schwul klinge."

Um diesen Satz häufiger zu hören, unterzog sich Regisseur Thorpe also monatelanger Sprachtherapie. Versuchte eine tiefere, männlichere und autoritärere Stimme zu finden. "Ich musste mich körperlich wieder mit meiner Stimme verbinden", erzählt er. Was ihm schließlich auch gelang. Gleichzeitig konnte er seine "schwul klingende" Stimme als Teil von ihm akzeptieren. Mit der Dokumentation will der nun 46-Jährige anderen schwulen Männern zeigen, dass sie mit ihren Selbstzweifeln nicht allein sind, dass viele Homosexuelle über die Art, wie sie sprechen, nachdenken und es ihr Selbstbewusstsein beeinflusst. "Auch wenn uns die Gesellschaft vorgibt, wie man als Mann zu sprechen hat, sollte man sich durch die Scham arbeiten und sich selbst akzeptieren", sagt Thorpe. (Bianca Blei, 20.10.2015)

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"Do I Sound Gay?" feierte 2014 beim Toronto International Film Festival Weltpremiere und soll ab Dezember auch in Österreich zur Verfügung stehen. Mehr Infos unter: doisoundgay.com
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