Arrigo Sacchi: "Fliegt über das Feld"

Interview15. Oktober 2015, 14:25
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Ende der 1980er Jahre machte er den AC Milan zum Maß aller Dinge im Weltfußball, dabei hatte der Italiener zuvor noch nie einen Erstligisten trainiert. Der Prediger des Offensivfußballs über seine taktische Revolution und das Verhältnis zu Klubpräsident Berlusconi

Vielleicht hat er für die letzte große taktische Erneuerung im Fußball überhaupt gesorgt. Arrigo Sacchi schickte den Libero in Pension, setzte auf Raumdeckung, eine aggressive Abseitsfalle und ein starkes Offensivpressing in seinem ständig verschiebenden 4-4-2. Das von ihm trainierte Milan um Franco Baresi, Ruud Gullit und Marco van Basten gilt als stärkste Klubmannschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Klub gewann 1989 den Meistercup, den UEFA-Supercup sowie den Weltpokal – drei Titel, die er allesamt 1990 verteidigte. Heute schreibt er für die "Gazzetta dello Sport", ist Fußballexperte bei Al Jazeera und Mediaset Premium, dem Pay-TV-Sender von Milan-Eigentümer Silvio Berlusconi. Im Frühjahr veröffentlichte er seine Autobiografie "Calcio Totale".

ballesterer: Sie haben mit Milan ein völlig neues Spielsystem eingeführt. Auf welchen Grundprinzipien haben Sie es aufgebaut?

Sacchi: Auf Bewegung und Ballbesitz in perfekter Abstimmung der Spieler. Wir haben uns in einer dreißig Meter langen und breiten Zone wie ein kompaktes Heer gemeinsam vor- und zurückbewegt. Das hat die Präzision und die Technik in unserem Kurzpassspiel erleichtert. Darüber hinaus hat es den Druck auf die gegnerische Mannschaft erhöht. Ich habe zu Franco Baresi einmal gesagt: "Wenn du einen langen hohen Pass spielst, beleidigst du mich. Das zeigt, dass wir zu weit voneinander weg stehen."

ballesterer: Wie haben Sie bei Ballbesitz des Gegners reagiert?

Sacchi: Mit Pressing. Das hat den Gegner daran gehindert zu spielen und uns erlaubt, auf das zu setzen, was wir Italiener am besten können: das Kontern. Das war für uns außerdem leichter zu spielen, weil wir weiter vorne gestanden sind und damit näher beim gegnerischen Tor waren. Wir haben uns nicht auf den Gegner konzentriert, sondern auf den Ball und die eigenen Mitspieler. Alle elf Spieler sollten sich aktiv am Geschehen beteiligen.

ballesterer: Waren Sie damit in der Verteidigung nicht anfällig?

Sacchi: "France Football" hat uns als beste Mannschaft aller Zeiten bezeichnet, weil wir im Angriff und in der Verteidigung sehr gut waren. Im Training habe ich die Verteidigung mit Franco Baresi, Mauro Tassotti, Alessandro Costacurta und Paolo Maldini mit Tormann Giovanni Galli gegen elf Angreifer spielen lassen. Sie haben das Tor fast immer sauber gehalten.

ballesterer: Sie sprechen häufig von der Bedeutung des Kollektivs in Ihrem System. Warum war Ihnen das so wichtig?

Sacchi: Ich habe auf die Intelligenz meiner Spieler gesetzt. Sie mussten wissen, wann sie flach stehen, sich zurückziehen oder angreifen müssen. Wir haben immer alle Übungen im Team trainiert, nie einzeln. Das beste Beispiel für die Bedeutung des Kollektivs ist Lionel Messi. Mit Barcelona ist er der beste Spieler der Welt, in der argentinischen Nationalmannschaft spielt er weniger gut.

ballesterer: Haben sich Ihre Spieler dem Kollektiv leicht untergeordnet?

Sacchi: Alle haben von diesem System profitiert. Ich glaube, keiner von ihnen ist von "France Football" vorher bei der Vergabe des Goldenen Balles unter die zehn besten Spieler gewählt worden. In meiner Zeit haben ihn Gullit und van Basten gewonnen, 1988 und 1989 haben wir sogar vier Spieler unter den ersten zehn gehabt. Die Zeitung "L'Equipe" hat nach unserem 4:0-Sieg im Meistercupfinale 1989 gegen Steaua Bukarest getitelt: "Nachdem wir dieses Milan gesehen haben, wird der Fußball nicht mehr derselbe sein."

ballesterer: Sie haben mit Ihrem System das klassische italienische Defensivsystem auf den Kopf gestellt. Haben die Öffentlichkeit und die Spieler Sie dafür kritisiert?

Sacchi: Die Medien haben mich kritisiert, die Spieler nur zu meiner Zeit im Amateur- und Halbprofibereich. Als ich Bellaria in der vierten Liga trainiert habe, bin ich einmal in die Kabine gekommen, als ein Spieler gesagt hat: "Der Trainer macht Sachen mit uns, die ich weder in der Serie A noch in der Serie B machen musste. Entweder ist er ein Genie oder ein Verrückter." Ich habe ihm geantwortet: "Ich hoffe, Ersteres."

ballesterer: Viele Spieler haben gesagt, es sei sehr anstrengend gewesen, mit Ihnen zu trainieren.

Sacchi: Ich wollte den Zuschauern einen schönen, unterhaltsamen und optimistischen Fußball bieten, keine langweilige Vorstellung. Dafür haben wir unter der Woche hart arbeiten müssen. Milan hat mir den perfekten Rahmen geboten, der Klub war anderen damals 20 Jahre voraus. Ich hatte die Möglichkeit, mich völlig zu verwirklichen. Ich habe die Spieler zusammenstellen können, die für mein Projekt am geeignetsten waren.

ballesterer: Hat Ihr System keine Schwachstellen gehabt?

Sacchi: Wir mussten in vielen Bewerben gleichzeitig antreten und haben dafür einen relativ kleinen Kader gehabt. Für die Spieler war das aufgrund unseres schnellen Fußballs sehr anstrengend. Ich habe ihnen immer gesagt: "Wenn ihr auf der Jagd seid, ist es leichter, einen sitzenden als einen fliegenden Vogel zu töten. Also fliegt über das Feld." Die Zuschauer haben es uns gedankt. Wir hatten schon nach dem ersten Jahr einen massiven Anstieg bei den Dauerkartenverkäufen.

ballesterer: Hat Präsident Berlusconi Ihnen die nötige Zeit gegeben, um Ihr System umzusetzen?

Sacchi: Ja, er war der perfekte Präsident. Er hat mir zugehört und mit mir gesprochen, er hat mir Sicherheit gegeben. Das war eine Goldene Zeit des italienischen Fußballs, und Berlusconis Beitrag dafür war essenziell. Bis 2006 sind die italienischen Klubs in den internationalen Bewerben fast jedes Jahr im Finale gestanden. Manchmal haben dort sogar zwei Klubs aus der Serie A gegeneinander gespielt.

ballesterer: Haben sich Ihre Ideen im italienischen Spielsystem durchgesetzt?

Sacchi: Der heutige Fußball verdankt dem Ajax der 1970er-Jahre, unserem Milan und Barcelona unter Pep Guardiola sehr viel. Ohne ein System, in dem du der Herr des Spiels bist und im Kollektiv viel Ballbesitz hast, gewinnst du heute nicht mehr. In Italien ist mein System jedoch nicht angenommen worden. Vor ein paar Jahren habe ich mir gemeinsam mit Alessandro Costacurta ein U21-Spiel von Italien gegen Dänemark angeschaut. Obwohl unsere Spieler technisch besser waren, haben die Dänen kompakter und als Mannschaft besser abgestimmt gespielt. Alessandro hat mir damals gesagt: "Auf der ganzen Welt haben sie uns kopiert, nur in Italien nicht."

ballesterer: Woran liegt das?

Sacchi: Die meisten Klubs haben Schulden und wollen den kurzfristigen Erfolg. Sie schauen zu sehr auf das Resultat, nicht auf die Qualität des Spiels. Das gilt auch für viele Journalisten. Ein unverdienter Sieg sollte nicht gefeiert werden. Auch wir Trainer haben dazu beigetragen, indem wir Spiele schöngeredet haben, die nicht gut waren. In der abgelaufenen Saison habe ich jedoch wieder mehr Mannschaften gesehen, die einen optimistischen Fußball spielen. Das erzeugt Kreativität, und die ist entscheidend für den Erfolg.

ballesterer: Wie hat sich Milan in den fast dreißig Jahren unter Berlusconi entwickelt?

Sacchi: Er war ein außergewöhnlicher Erneuerer, ein Genie. Als er mich geholt hat, war ich ein absoluter Niemand. Wie hätte er wissen können, dass er mit mir sein Ziel erreichen sollte, die stärkste Mannschaft der Welt aufzubauen? Zu meiner Zeit hat Berlusconi den Fußball geliebt, er hat sich auch stark ins Tagesgeschäft eingebracht. In den letzten Jahren hat er sich stärker auf die Politik konzentriert. Er hat dadurch den Kontakt zum Fußball verloren und kann sein Genie in diesem Bereich nicht mehr zum Ausdruck bringen. Der Fußball hat eine große Führungskraft verloren. Hoffen wir, dass wir dadurch zumindest einen großen Politiker gewonnen haben.

ballesterer: Hat Berlusconi Ihre Erfolge mit Milan politisch verwertet und Sie vereinnahmt?

Sacchi: Zu meiner Zeit bei Milan war Berlusconi noch nicht in der Politik. Er ist erst 1994 politisch aktiv geworden, als ich die Nationalmannschaft trainiert habe. Die linken Zeitungen und Nachrichtensendungen haben sich dann plötzlich grundlos auf mich eingeschossen – nur weil ich für Berlusconi gearbeitet hatte. Berlusconi oder seine Berater haben unsere Erfolge auch für sich verwendet. Da sind insgesamt einige hässliche Dinge passiert.

ballesterer: Sie haben trotz Ermüdungserscheinungen bis zur völligen Erschöpfung weitergemacht. War das auch ein Prinzip Ihres Systems?

Sacchi: Nein, das war einfach meine Persönlichkeit. Ich war immer überzeugt, mehr geben und besser werden zu müssen. Für mich waren alle unsere Erfolge in dem Moment vorbei, in dem wir sie erreicht hatten. Nach 27 Jahren war ich total erschöpft und habe aufgehört.

ballesterer: Nach Milan und dem Nationalteam waren Sie nur noch für relativ kurze Perioden als Trainer aktiv. Haben Sie jemals bereut, nicht länger mit Vereinen in der höchsten Spielklasse gearbeitet zu haben?

Sacchi: Nein. Ich hätte mir nie erträumen lassen, dass ein Kind vom Land wie ich mit Milan diese Erfolge feiern würde. Dafür bin ich sehr dankbar. Als ich aufgehört habe, habe ich einen Psychologen gefragt, ob diese Entscheidung verrückt ist. Er hat mir gesagt: "Nein, was Sie vorher gemacht haben, war verrückt." Ich habe in einem Land voller Individualisten von mir und meinen Spielern verlangt, alles für die Gruppe zu geben. Van Basten hat sich einmal bei mir beschwert: "Mister, wir trainieren viel zu viel. So macht es keinen Spaß." Da habe ich ihm geantwortet: "Marco, wir müssen viel arbeiten, damit sich das Publikum am Sonntag gut unterhält. Wir müssen Spaß daran haben, die Fans von ihren alltäglichen Problemen abzulenken." (Martin Schreiner, 15.10.2015)

Arrigo Sacchi (69) gewann als Milan-Trainer zwischen 1987 und 1991 je zweimal den Cup der Landesmeister, den UEFA-Supercup und den Weltpokal, 1988 holte er zudem die Meisterschaft. Von 1991 bis 1996 trainierte er die italienische Nationalmannschaft und erreichte 1994 das WM-Finale. Heute ist er TV-Experte und Zeitungskommentator.

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