In China gibt es mehr Milliardäre als in den USA

15. Oktober 2015, 11:56
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Chinas neue Milliardärsklasse hebt trotz Wirtschaftsschwäche und Börsencrashs ab und überholt zahlenmäßig erstmals die USA

Peking – Für Chinas Milliardäre funktionieren die Gesetze der finanziellen Schwerkraft nicht mehr. Sie heben nur noch schneller ab. 596 Superreiche besitzen ein Privatvermögen von mehr als umgerechnet einer Milliarde US-Dollar, 242 Personen mehr als noch 2014. Laut der neuen Reichenliste "Hurun Global Rich List 2015" überholte der neue Geldadel in der sozialistischen Volksrepublik zahlenmäßig die 537 Milliardäre in den USA, der Heimat des Kapitalismus. Wenn die 119 Milliardäre aus Hongkong, Taiwan und Macao hinzugezählt werden, gibt es derzeit 715 Dollarmilliardäre chinesischer Abstammung.

Weder die Wachstumsschwäche der chinesischen Wirtschaft noch der Börsencrash, der seit Juni 40 Prozent der Aktienwerte vernichtete, konnten den Höhenflug der China-Krösusse bremsen. 1.877 Superreiche, ein Drittel (606) mehr als 2014, schafften es dieses Jahr auf die Milliardärsliste. Die Eintrittsschwelle liegt bei einem Mindestvermögen von zwei Milliarden chinesischen Yuan (rund 300 Millionen Euro). Für die 1.877 Konzern- und Unternehmenschefs arbeiten mit zehn Millionen Beschäftigten inzwischen 1,3 Prozent aller chinesischen Arbeitskräfte.

"Dramatischer Wandel"

Die Superreichen zahlen umgerechnet rund 100 Milliarden Dollar Steuern, 4,2 Prozent aller Steuereinnahmen Chinas. "Ich war von den Zahlen anfangs auch überrascht", sagt der Brite Rupert Hoogewerf dem STANDARD. Er stellte seine seit 1999 jährlich veröffentlichte Reichenliste am Donnerstag in Schanghai vor. Im unerwartet raschen Anstieg der Vermögen spiegle sich schon der "dramatische Wandel in der chinesischen Wirtschaft und die neuen Bedürfnisse der Gesellschaft wider" – vom sprunghaften Wachstum der Bereiche IT, Freizeit und Unterhaltung bis zu Boombranchen wie Pharmazie und innovativer Produktion von Smartphones, Touchscreens und Drohnen. Chinas Milliardäre würden Ressourcen und neue Chancen nutzen, Kapitalmärkte und effiziente Herstellung kombinieren. "Sie reagieren schneller auf die neue Lage als die übrige Gesellschaft."

Chinas Superreichster heißt wieder Wang Jianlin. Der 61-jährige hat seinen Immobilienkonzern Wanda inzwischen erfolgreich zum weltgrößten Freizeit-, Unterhaltungs- und Sportindustriekonzern umgewandelt, kauft sich weltweit in Kinoketten, Hotels und Sportagenturen ein. Er holte sich Platz eins vom Vorjahrssieger und chinesischen Wunderkind des Onlinehandels, Jack Ma von Alibaba, zurück. Wanda-Wang vermehrte sein Vermögen um 52 Prozent, nachdem er seine Kinoketten an die Börse brachte. Stichtag der Erhebung war wie in den vergangenen Jahren der 15. August. Chinas Börsen waren zu dem Zeitpunkt seit ihrem Höchststand im Juni um 30 Prozent gefallen. Bis heute verloren sie weitere 14 Prozent. Das würde an der Zusammensetzung der Liste wenig ändern, sagte Hoogewerf. Auch nicht die inzwischen erfolgte begrenzte Abwertung des chinesischen Renminbi-Yuan. "Wir haben sie mit einem Dollarkurs von 1:6,4 Yuan bereits vorweg eingepreist."

foto: reuters/bobby yip

Gesellschaft ist polarisiert

Der sprunghafte Anstieg des Reichtums polarisiert Chinas Gesellschaft noch stärker. Die Reichen werden immer reicher. Für eine Mitgliedschaft bei den Top 100 stieg das erforderliche Eintrittsvermögen auf mindestens 3,2 Milliarden Dollar, das Dreifache der Summe von vor fünf Jahren und mehr als das 50-Fache von vor 15 Jahren. 200 der 1.877 Yuanmilliardäre konnten innerhalb eines Jahres ihr Vermögen verdoppeln.

IT und innovative Herstellung sind die schnellstwachsenden Quellen des Reichtums, während die klassische Immobilienwirtschaft ins Hintertreffen gerät. Zu den neuen Start-up Dollarmilliardären gehören der Taxiapp-Aufsteiger Cheng Wei von Didi Kuaidi, der Onlinespiele-Entwickler Lin Ji von Youzu, "Drohnenkönig" Frank Wang Tao von DJI und Medieninvestor Jack Wang Qicheng von Hakim.

Die erfolgreichste Frau und zugleich Neuankömmling auf der Liste ist die als "Königin des Touchscreens" in China bekannt gewordene 45-jährige Zhou Qunfei, die mit zehn Milliarden Dollar Vermögen unter die 20 reichsten Milliardäre hinaufschoss und laut Hoogewerf die erfolgreichste Businessfrau der Welt wurde. Jeder fünfte Milliardär Chinas (21 Prozent) ist 2015 weiblich, ein Prozent mehr als 2014. In der Hauptstadt Peking leben mit 279 Milliardären die meisten Superreichen, 99 mehr als 2014.

Koexistenz von Politik und Reichtum

Das Gesamtvermögen aller 1.877 Chinesen auf der Liste summiert sich auf 2,1 Billionen Dollar, so viel wie das Bruttoinlandsprodukt von Staaten wie Indien und Russland. Die Superreichen setzten 2014 und 2015 weniger auf weltweite Zukäufe und Übernahmen von Unternehmen als auf einheimische M&A-Zusammenschlüsse. Global reden sie dennoch immer mehr mit. In der 15-köpfigen offiziellen Begleitdelegation von Staats- und Parteichef Xi Jinping bei seinem USA-Besuch im September bei Präsident Barack Obama waren neun Mitglieder, die auch auf der Hurun-Milliardärsliste stehen.

Trotz aller Antikorruptionskampagnen koexistieren Politik und Reichtum in China. Nach Hoogewerfs Zählung sind 211 Milliardäre auf seiner Reichenliste entweder Abgeordnete im NPC-Volkskongress, Delegierte im Beraterparlament oder nehmen andere hochrangige politische Aufgaben war. Es sind 37 mehr, als es 2014 waren. (Johnny Erling aus Peking, 15.10.2015)

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