Mit Dolce Vita gegen das Diktat der grauen Männer

15. Oktober 2015, 10:49
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Das Theater der Jugend stemmt Michael Endes "Momo"

Wien – Am Anfang Ende. Nachdem das Wiener Theater der Jugend bereits seine vorletzte Spielzeit mit Die unendliche Geschichte eröffnet hatte, beginnt auch die neue Saison mit der Adaptierung eines Romans von Michael Ende. Diesmal ist die Wahl auf Momo gefallen, die Geschichte des kleinen Mädchens, das die Menschen davor bewahrt, von den unheimlichen grauen Männern um ihre Lebenszeit betrogen zu werden.

Die solide Inszenierung von Michael Schachermaier betont durch den Einsatz von Italo-Schlagern und allerhand "Ciao!" und "Benvenuto!" die in der Vorlage nur angedeutete Situierung des Geschehens in Italien. Das ist putzig, verstärkt zugleich aber auch den Kontrast zwischen dem sonnigen Dolce Vita zu Beginn und der von Neonlicht geprägten Leistungsoptimierungswelt der grauen Männer (Ausstattung: Jan Meier und Karoline Hogl).

Insgesamt geht es jedoch sehr werktreu zur Sache, entsprechend handlungsreich verlaufen die zwei kurzweiligen Stunden. Mehrere Holzrahmen sowie ein paar Trennwände reichen aus, um blitzschnell neue Bühnenräume zu gestalten. Einzig im Reich von Meister Hora, dem Herren der Zeit, schwingt ein kapitales Pendel hin und her.

Fast das ganze neunköpfige Ensemble ist in mehreren Rollen unterwegs, nur Shari Asha Crosson ist allein als Momo zu sehen. Crosson hat für ihre Rolle den passenden Lockenkopf, wirkt aber oftmals etwas zu kühl. Auch mit dem gottväterlichen Meister Hora (Frank Engelhardt) kann man nur schwer warm werden. Dies liegt in erster Linie an der vom Theater der Jugend erarbeiteten Stückfassung. Umso menschlicher gerät ausgerechnet die Schildkröte Kassiopeia, die Momo auf ihrer Suche nach der verlorenen Zeit den Weg weist. Die von Julia-Elisabeth Beyer detailreich gestaltete Puppe (Spiel: Michael Schusser, Stimme: Horst Eder) ist einfach wunderbar. (Dorian Waller, 15.10.2015)

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