US-Angriff auf Spital: Ermittlungskommission will Vorfall untersuchen

14. Oktober 2015, 18:25
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Ärzte ohne Grenzen schaltet Internationale Humanitäre Ermittlungskommission ein – Zahl der Toten durch Beschuss von Krankenhaus auf 24 gestiegen

Kunduz – Fast zwei Wochen nach dem US-Luftangriff auf ein Krankenhaus der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) im nordafghanischen Kunduz ist der erste Schritt für eine unabhängige Untersuchung getan. Die Internationale Humanitäre Ermittlungskommission (IHFFC) in Bern erklärte am Mittwoch, sei sei zu einer von MSF beantragten Untersuchung bereit.

Vor der Aufnahme der Ermittlungen sei aber die Zustimmung der betroffenen Staaten nötig – und die stehe noch aus. Nach Angaben von IHFFC-Vizepräsident Thilo Marauhn wurden die USA und Afghanistan angeschrieben und um Zustimmung zu einer Untersuchung gebeten. Es habe aber noch keine Antwort gegeben.

Mindestens 24 Tote

Das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Kunduz war am 3. Oktober bei einstündigen US-Luftangriffen zerstört worden. Dabei wurden nach neuen Angaben von MSF mindestens 24 Menschen getötet, 14 MSF-Mitarbeiter und zehn Patienten. Nach dem Angriff war zunächst von 22 Toten die Rede gewesen. Mittlerweile wurden zwei weitere Ärzte für tot erklärt, wie MSF am Mittwoch mitteilte. Von neun Patienten fehle zudem immer noch jede Spur.

Kein Vertrauen in interne Untersuchungen

Zu dem Beschuss laufen bereits drei Untersuchungen – eine der US-Armee, eine der afghanischen Behörden und eine der Nato. MSF-Präsidentin Joanne Liu forderte in einem Telefonat mit US-Präsident Barack Obama jedoch noch eine weitere Untersuchung durch eine unabhängige Kommission. Sie hat nach eigenen Angaben "kein Vertrauen in eine interne militärische Untersuchung".

Die IHFFC (International Humanitarian Fact-Finding Commission) wurde auf der Grundlage eines Zusatzprotokolls zu den Genfer Konventionen eingerichtet, um unabhängig Verletzungen des humanitären Völkerrechts im Kriegsfall zu untersuchen. Sie existiert bereits seit 1991, bisher ist es aber noch nie zu einer Untersuchung gekommen.

Entschuldigungen nicht genug

Ärzte ohne Grenzen habe nach dem Beschuss "Entschuldigungen und Beileidsbekundungen erhalten", aber das sei nicht genug, erklärte MSF-Präsidentin Liu am Mittwoch. "Wir tappen noch immer im Dunkeln, warum ein bekanntes Krankenhaus voller Patienten und Personal über eine Stunde lang wiederholt bombardiert wurde." Die Organisation müsse wissen, "was passiert ist und warum".

Nach Angaben von MSF war die Lage des Krankenhauses in Kunduz allen Konfliktparteien bekannt. Die afghanischen und die US-Streitkräfte waren demnach über die GPS-Koordinaten des Krankenhauses informiert, das seit vier Jahren in Betrieb war. Es handelte sich um die einzige Klinik im Nordosten Afghanistans, die schwere Kriegsverletzungen behandeln konnte. (APA, 14.10.2015)

  • Vom Spital der Ärzte ohne Grenzen blieb nur eine ausgebrannte Ruine.
    foto: reuters

    Vom Spital der Ärzte ohne Grenzen blieb nur eine ausgebrannte Ruine.

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