Pro und Kontra: Boulevardisierung der Grünen

Kommentar14. Oktober 2015, 17:55
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Einen jungen Mandatar als drolligen Küsserkönig zu vermarkten mag platt sein, die Kampagne hat die Jungen aber erreicht

PRO: Nachhaltige Öko-Bussis

von Rainer Schüller

Der "Toyboy" war schuld! So lautet zumindest der Befund des Nationalratsabgeordneten Peter Pilz zum für die Grünen enttäuschenden Ergebnis der Wiener Wahlen. Auch Bezirksvorsteher Thomas Blimlinger übt offen Kritik am "Feelgood-Wahlkampf" und den Bussi-Plakaten mit dem Junggrünen Julian Schmid ("Ich bin Öffi für alles"). Beide liegen falsch.

Die Grünen haben nicht wegen ihrer Plakate ein wenig verloren. Im Gegenteil: Ohne die professionelle Kampagne, die dem ehemals diffusen Fundi- und Realohaufen ein einheitliches Bild und mehr Breitenwirkung verschafft hat, wäre es in Wien viel schlimmer ausgegangen.

Besonders die Kampagne, die darauf abzielte, die Jungen zu erreichen, kommt bei den alten Grünen zu Unrecht zum Handkuss. Wenn man das Wahlergebnis genauer betrachtet, erkennt man, dass die Grünen bei den unter 30-Jährigen bei 20 Prozent liegen. Bei den Erstwählern schafften sie einen ähnlichen Prozentwert. Das heißt: Das Kondomeverteilen beim Wanda-Konzert und das Selfies-mit-Julian-Machen dürften sich durchaus bezahlt gemacht haben.

Die Verjüngung, die Spitzenkandidatin Maria Vassilakou mit ihrem Doch-nicht-Rücktritt versprochen hat, findet statt. Das bildet eine gute Basis für die Zukunft. Freilich: Die Grünen dürfen ihre Kerninhalte nicht vergessen. Wenn sie mehr als Kleinpartei sein wollen, sind sie aber gezwungen, auch boulevardeske Methoden anzuwenden. (Rainer Schüller, 14.10.2015)

KONTRA: Minus für den Küsserkönig

von Colette M. Schmidt

Auch ein Plakat für Strumpfhosenwerbung kann eine Breitenwirkung erzielen. Wenn eine Partei aber in ihrer Bildsprache nicht mehr unterscheidbar von Drogeriemärkten und Wäschekonzernen ist, darf sie sich nicht wundern, wenn die politische Botschaft nicht ankommt. Aber wo wollen die Grünen ankommen?

Obwohl diese Partei Kompetenzen in Sachen Sozialpolitik, Umweltschutz und Menschrechtsarbeit hätte, scheint sie im Wahlkampf – nicht nur in Wien – überproportional damit beschäftigt, niemanden zu verärgern oder zu provozieren. Ist es die Angst, ÖVP-Wähler zu verschrecken? Das kann die ÖVP selbst besser. Weder Bürgerliche noch jene, die Zukunftsängste haben und sich übervorteilt fühlen, holt man mit Wellnesskampagnen ab.

Oft wurde den Grünen Lustfeindlichkeit vorgeworfen. Deshalb einen jungen Mandatar als drolligen Küsserkönig zu vermarkten oder Funktionärinnen ganzjährig mit infantilen Taferln auszustatten ist weder böse noch sexistisch – aber ziemlich platt. Nicht, dass Humor und hübsche Männer im Wahlkampf in den Parteizentralen weggesperrt werden sollten. Aber mehr Inhalte muss man den Wählern schon zutrauen. Mag sein, dass mehr Junge in Wien die Grünen wegen – oder trotz – der Kampagne gewählt haben. Doch wie viele Wähler fühlten sich zwischen Bussis und Baumwolltaschen nicht ernst genommen und wählten deshalb andere? Am Ende steht jedenfalls ein Minus. (Colette M. Schmidt, 14.10.2015)

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