Das Geschäft mit der Stille

19. Oktober 2015, 09:00
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Die Firma Med-El entwickelt Technik, die taube Menschen wieder hören lässt. In Zukunft wird man über Implantate Musik empfangen

Innsbruck – Es ist still. Hinter einer Glasfront sitzen dutzende Menschen in weißen Anzügen. Sie tragen Kunststoffhauben, Mundschutz, Plastikhandschuhe. Manche haben kleine Pinselchen in der Hand, andere lehnen über einem Mikroskop – sie schauen nicht auf, arbeiten in einer sterilen Parallelwelt.

In der Firma Medical Electronics (Med-El) wird Technik produziert und entwickelt, die taube Menschen wieder hören lässt. Die größte Geschäftssparte sind sogenannte Cochleaimplantate – der "erste realisierte Ersatz eines Sinnesorgans", schreibt das Unternehmen. Das System kommt bei Menschen mit schwerem bis völligem Hörverlust zum Einsatz, ein Audioprozessor hinter dem Ohr nimmt Schall auf und leitet ihn über das Implantat vom Hörnerv ins Gehirn.

Über Umsätze möchte man in dem privat geführten Familienunternehmen nicht sprechen, doch in einer immer älter werdenden Gesellschaft steht fest: Systeme gegen Hörverlust sind gefragter denn je. "Wir sind nicht Markt, aber Technologieführer", sagt Geschäftsführer Ewald Thurner.

Pionierin der Technik

Vor 23 Jahren war er Mitarbeiter Nummer elf, wie er erzählt, heute arbeiten weltweit mehr als 1500 Menschen für das Unternehmen – der Großteil in der Firmenzentrale in Innsbruck. Darüber hinaus hat Med-El 29 Niederlassungen verstreut auf der ganzen Welt.

Als Innsbruck als Firmensitz festgelegt wurde, "war noch nicht absehbar, dass wir so groß werden", sagt Thurner. Heute sei der Standort nicht mehr ganz ideal, "Wien hätte natürlich einige Vorteile". Die Wahl fiel im Jahr 1990 eigentlich durch Zufall auf Tirol: Der Ehemann der Gründerin Ingeborg Hochmair wurde als Professor für technische Physik an die Uni Innsbruck gerufen, so zogen Familie und Firma damals mit.

Hochmair gilt als Pionierin: Im Jahr 1979 war sie die erste Frau, die je an der Technischen Universität Wien im Fach Elektrotechnik promovierte, gemeinsam mit ihrem Mann Erwin entwickelte die gebürtige Wienerin das weltweit erste mikroelektronische Mehrkanal-Cochleaimplantat, mehr als 40 ihrer Erfindungen wurden patentiert, 2013 wurde ihr der Lasker-DeBakey Award verliehen, eine der höchsten medizintechnischen Auszeichnungen.

Betroffene als Kritiker

Die größten Kritiker ihres Unternehmens waren lange Zeit genau jene Menschen, denen durch die Produkte geholfen werden soll: Hörbehinderte selbst. Vor allem in den Neunzigerjahren, als die Implantationstechnik noch nicht so ausgereift war und auch etliche Gefahren barg, gab es eine Bewegung, die verhindern wollte, dass Kindern durch die Operation der Weg in die Gehörlosenkultur versperrt wird. "Mit dem Thema werden wir inzwischen allerdings kaum noch konfrontiert", sagt Thurner. Heute sind mehr als die Hälfte der Nutzer von Med-El-Produkten Kinder.

Das Unternehmen investiere rund 15 Prozent seines Umsatzes in Forschung. "Das ist viel, aber notwendig", sagt Thurner. Er sei überzeugt, dass in einigen Jahren Implantate kaum bis gar nicht mehr sichtbar sein und dem normalen Gehör um nichts nachstehen werden. Ganz im Gegenteil: "Es wird beispielsweise bald möglich sein, dass Benutzer das Implantat als Kopfhörer verwenden und damit direkt Musik hören. Dadurch wären sie gegenüber Normalhörenden sogar im Vorteil." (Katharina Mittelstaedt, 19.10.2015)

  • Am Hauptsitz in Innsbruck arbeiten für den Hörtechnikhersteller Med-El fast tausend Menschen. Das Unternehmen investiert rund 15 Prozent seines Umsatzes in Forschung.
    foto: med-el

    Am Hauptsitz in Innsbruck arbeiten für den Hörtechnikhersteller Med-El fast tausend Menschen. Das Unternehmen investiert rund 15 Prozent seines Umsatzes in Forschung.

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