Bischofssynode, Halbzeit

Kolumne14. Oktober 2015, 16:47
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Die katholische Welt wartet darauf, wie der Papst den Widerspruch zwischen Lehre und Wirklichkeit lösen – oder eben nicht lösen – wird

Es geht auch anders, aber so geht es auch, schrieb einst Bert Brecht. Das könnte auch das Motto der Bischofssynode in Rom sein, in der zurzeit über die heiklen Fragen Ehe und Familie verhandelt wird. Denn inzwischen ist nicht nur dem Papst, sondern auch den meisten katholischen Würdenträgern klar geworden, dass die Entwicklung der Gesellschaft längst über die Morallehren der katholischen Kirche hinweggegangen ist. Was also tun? Reformieren? Oder alles beim Alten lassen? Was sich herauszukristallisieren scheint, ist: weder noch. Die Lehre wird nicht angetastet, aber wenn sich jemand aus guten Gründen nicht daran hält, ist es auch okay.

Längst üben, wie man an den Kinderzahlen sehen kann, die allermeisten katholischen Ehepaare Verhütung, und zwar nicht nach der einzigen kirchlich erlaubten Knaus-Ogino-Methode. Längst machen sich auch die frömmsten katholischen Eltern mehr Sorgen, wenn der erwachsene Sohn keine Freundin hat, als wenn er, theoretisch verboten, sehr wohl eine hat. Längst ist Homosexualität weithin akzeptiert. Und obwohl fast alle Ehescheidung und Abtreibung nicht gut finden, sind sich die meisten darüber einig, dass es manchmal nicht anders geht.

270 Bischöfe nehmen an der Synode, die jetzt in die Halbzeit geht, teil, reformorientierte wie konservative. Sie sind nicht befugt, Reformen zu beschließen, sondern sollen nur als Beratungsgremium für den Papst fungieren. Wirkliche Änderungen in der kirchlichen Lehre kann nur dieser oder ein Konzil verfügen. Was die Bischöfe vorschlagen, soll in ein Abschlussdokument einfließen, das am Ende dem Papst vorgelegt wird. Dieser hat das letzte Wort.

Und was will Papst Franziskus, den manche einen Bolschewiken und andere einen im Grunde Konservativen nennen? Darüber spekulieren die Kirchenbeobachter. Sie merken an, dass er persönlich zwei als Reformer geltende Kardinäle in dem Gremium haben wollte, Christoph Schönborn (ja, der ist in Rom ein Reformer) und den Deutschen Walter Kasper, einst verantwortlich für die Ökumene. Sie weisen darauf hin, dass der Papst immer wieder von "Barmherzigkeit" spricht, sowohl gegenüber Geschiedenen und Wiederverheirateten, die derzeit nicht zum Kommunionempfang zugelassen sind, als auch gegenüber den Frauen, die sich aus existentieller Not zur Abtreibung entschließen.

Das klingt nach Reform. Andererseits preist derselbe Papst auch immer wieder die traditionelle Familie in den höchsten Tönen. Wie passt das zusammen? Die Ehe ist nach katholischer Auffassung ein Sakrament und unauflöslich. Man bleibt zusammen, in guten und schlechten Zeiten. Und die Familie besteht aus Vater, Mutter und Kindern. So soll es sein, so gehört es sich. Und das haben auch die meisten Paare, die kirchlich heiraten, so vor. An diesem Modell wird nicht gerüttelt.

Aber manchmal folgt das Leben eben nicht diesem Modell. Was dann? Sünde? Verdammung? Hier kommt die Barmherzigkeit ins Spiel. Zu viel für die Hardliner, zu wenig für die konsequenten Reformer. Und die katholische Welt wartet gespannt darauf, wie der Papst diesen Widerspruch zwischen Lehre und Wirklichkeit lösen – oder eben nicht lösen – wird. (Barbara Coudenhove-Kalergi, 14.10.2015)

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