Die teuersten Sägespäne der Welt

16. Oktober 2015, 07:00
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In Nordaustralien baut eine Firma kostbares Sandelholz an und verwirklicht damit eine Vision, von der Politiker seit 200 Jahren träumen

Der Flug über die endlose Landschaft Nordaustraliens in Richtung Westen scheint kein Ende zu nehmen. Ein Blick aus dem Fenster der kleinen Cessna zeigt ein karges Land, nur gelegentlich unterbrochen von breiten Flüssen oder einem Hügelzug. Menschen gibt es hier kaum. Nur selten sieht man ein Haus, eine Farm, einen Lastwagen. Doch beim Anflug auf die Kleinstadt Kununurra bietet sich Besuchern ein überraschendes Bild: Tausende von Sandelholzbäumen stehen in Reih und Glied, einer Armee grüner Soldaten gleich.

Eine Oase des Lebens, mitten in einer graubraunen, trocken scheinenden Landschaft. Hinter einer Gebirgskette liegt ein großer See. "Der ist privat, der gehört uns", sagt Mal Baker, Investment-Manager der australischen Firma Tropical Forestry Services (TFS). Wasser ist hier wertvoller als Gold. Es ist Teil des Rezepts für den wirtschaftlichen Erfolg.

TFS hat geschafft, wovon Australien seit 200 Jahren träumt. In einer der isoliertesten Gegenden auf dem Planeten hat das Unternehmen ein Agrarprodukt entwickelt, von dem die Welt nicht genug bekommen kann. TFS ist der global führende Produzent nachhaltig hergestellten Sandelholzöls. Auf einer Gesamtfläche von 10.000 Hektar züchtet TFS in mehreren Plantagen Millionen Sandelholzbäume (Santalum album). Ursprünglich kommt die Pflanze aus Indien. Doch dort ist sie bedroht, da sie übernutzt wird. Die Produktion ist unzuverlässig. In TFS-Plantagen wird der Baum nach 15 Jahren geerntet, das Innere des Stammes herausgeschnitten und zerkleinert.

Aus den Sägespänen destilliert TFS ein Öl, dessen süß-schwerer Duft Gläubige in Trance versetzt, und Männer schwach macht: Sandelholzöl findet sich in bis zu 80 Prozent aller Parfüms, unter ihnen die Königin aller Duftstoffe – Chanel No 5. Das Öl wirkt als Bindemittel für andere Aromen – entscheidend für eine erfolgreiche Mischung von Duftnoten. Auch verwendet wird Sandelholz für Räucherstäbchen, in verschiedenen Religionen ein unverzichtbares Element in Zeremonien. Einer Schätzung zufolge werden allein in Indien 500 Millionen Sandelholzräucherstäbchen verbrannt – pro Tag.

Gigantischer Markt

Die Firma TFS lebt das, wovon australische Politiker träumen: Seit der Invasion des Kontinents durch britische Sträflinge und Siedler vor über 200 Jahren hofft die Regierung, den isolierten Norden des Kontinents zu einem wirtschaftlichen Wunderland zu machen. Die "Futterkrippe" Asiens – die Vision, Millionen Menschen, die quasi vor der Haustür leben, mit australischen Agrarprodukten versorgen zu können – allem voran mit Lebensmitteln. Heute werden 34 Prozent der Nahrungsmittelproduktion nach Asien verschifft. Es lockt ein Markt gigantischen Ausmaßes: Bis 2050 wird die Weltbevölkerung auf 9,1 Milliarden ansteigen. Gleichzeitig soll die Nachfrage nach Nahrungsmitteln um 70 Prozent zunehmen. Gerade in Asien, wo die Mittelschicht jedes Jahr um Millionen Menschen wächst, haben westliche Lebensmittel Hochkonjunktur.

Über Jahrzehnte wurden in Nordaustralien verschiedene Pflanzen und Tiere importiert und getestet, ob sie in kommerzieller Qualität und Quantität produziert werden könnten. Der Erfolg war mäßig. Bis heute sind Fleischrinder das wichtigste Massenagrarprodukt im tropischen Norden, allem voran die widerstandsfähige Brahman-Rasse, die auf einem Boden mit wenig Nährstoffen, unzuverlässigen Niederschlägen und extremen Temperaturschwankungen gedeihen kann.

Sandelholz ist in erster Linie ein Erfolg, weil TFS Millionen Dollar in Forschung und Entwicklung investiert hat. Die Pflanze ist ein Parasit, braucht also einen Wirtsbaum. "Die perfekte Formel für die Zucht zu finden ist ein enormer Aufwand", erklärt Baker. "TFS hat gegenüber möglichen Konkurrenten einen Forschungsvorsprung von etwa 20 Jahren", glaubt Jordan Rogers, Agraranalyst von UBS.

Wassersicherheit als Hindernis

Das größte Hindernis, das den Träumen von unbegrenztem Wachstum im Norden im Wege steht, ist die Wassersicherheit. "Die Wasserversorgung muss garantiert sein, bevor wir uns einen potenziellen Standort für eine neue Plantage auch nur ansehen", sagt auch Mal Baker.

1969 staute Australien in der Nähe von Kununurra den Ord-Fluss und legte damit den Grundstein für eines der größten und erfolgreichsten Bewässerungssysteme der Welt. Ein 741 Quadratkilometer großer künstlicher See, Lake Argyle, erlaubt es dem Staat, die enormen Wassermengen zu speichern, die während der jährlichen Regenzeit fallen.

So konnte sich im Gebiet von Kununurra eine Landwirtschaftsindustrie von bemerkenswerter Produktivität und Effizienz entwickeln. In der Region wächst eine Vielzahl von Produkten: Wassermelonen, Zuckerrohr, chinesisches Gemüse. Doch um die Landwirtschaft maßgeblich ausweiten zu können – auf hunderttausende weitere Quadratkilometer in Westaustralien und im Northern Territory -, müssten Hunderte, wenn nicht Tausende weiterer Seen gegraben werden oder Tiefbrunnen gebohrt. Dazu kämen Straßen, Siedlungen, Verarbeitungs- und Frachtanlagen, Investitionen in Milliardenhöhe.

Auch der regierende Premierminister Tony Abbott hat versprochen, Nordaustralien endlich zu "entwickeln". Im Juni stellte Canberra einen Infrastrukturfond vor und appellierte an Investoren weltweit, den Traum mitzuträumen. Doch die Regierung scheint selbst nicht an die Durchführbarkeit zu glauben. Ausgerechnet Landwirtschaftsminister Barnaby Joyce warnt vor der Hoffnung, Australien könnte dereinst die "Futterkrippe Asiens" werden. "Im besten Fall können wir 60 Millionen Menschen ernähren", sagt er. Selbst wenn das Land durch eine dramatische Expansion der Agrarindustrie diese Zahl verdoppeln würde, könnte nach Meinung des Politikers nicht einmal die Hälfte der Bewohner Indonesiens versorgt werden.

Öl gegen Akne

Die Träume von TFS werden hingegen wahr. Die Firma hat jüngst den Durchbruch in der notorisch qualitätsempfindlichen Pharmaindustrie geschafft. Sandelholzöl riecht nicht nur gut, es wirkt entzündungshemmend. Die Dermatologiefirma Galderma hat ein Mittel gegen Akne lanciert, das hochgradiges TFS-Sandelholz enthält. "Wir glauben, dass in Zukunft der Großteil der Produktion in solche Anwendungen gehen wird", meint der Agraranalyst von UBS Jordan Rogers.

Diese Entwicklung dürfte das Interesse an TFS-Papieren an der australischen Börse ansteigen lassen. Der Titel liegt derzeit bei 1,54 australischen Dollar und könnte laut Rogers innerhalb eines Jahres auf 2,60 australische Dollar steigen, sofern sich die Pläne einer Expansion in der Pharmaindustrie verwirklichen lassen.

In der Verarbeitungsanlage, wo das Holz geschnipselt wird, bereitet man sich jedenfalls bereits auf einen möglichen Boom vor. Kameras und Alarmanlagen bewachen Dutzende riesiger Säcke. "In diesem befinden sich 326 Kilogramm. Daraus destillieren wir etwa zehn Kilogramm Öl", sagt Mal Baker. Er greift in den Sack und lässt durch seine Finger gleiten, was wohl die teuersten Sägespäne der Welt sein müssen: Für ein Kilo Sandelholzöl erhält TFS 5000 US-Dollar. (Urs Wälterlin aus Kununurra, 16.10.2015)

  • In den unbewohnten Weiten Nordaustraliens erscheint die Sandelholzplantage der Firma Tropical Forestry Services wie eine Grünoase.
    foto: urs wälterlin

    In den unbewohnten Weiten Nordaustraliens erscheint die Sandelholzplantage der Firma Tropical Forestry Services wie eine Grünoase.

  • Aus den Sägespänen des Sandelholzes wird ein Öl destilliert, dessen süßlich-schwerer Duft Gläubige in Trance versetzt und Männer betört.
    foto: urs wälterlin

    Aus den Sägespänen des Sandelholzes wird ein Öl destilliert, dessen süßlich-schwerer Duft Gläubige in Trance versetzt und Männer betört.

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