Lärm und Smalltalk gefährden OP-Patienten

15. Oktober 2015, 07:00
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Studien zeigten, dass sich durch Lärmsenkung und weniger Privatgespräche das Wundinfektionsrisiko reduzieren lässt

Der Chirurg beugt sich über den Patienten. Konzentriert arbeitet er mit Skalpell oder Laser. Wortlos werden ihm Instrumente gereicht. Es ist absolut still, fast andächtig still. Solche Bilder kennen medizinische Laien nicht selten aus Film und Fernsehen. Die soziale Wirklichkeit im OP-Saal ist mitunter das absolute Gegenteil: geprägt von Zeitdruck und knappen Ansagen. Chirurgen, Anästhesisten, OP-Schwestern reden miteinander, medizinische Geräte piepsen und surren, Pieper und Handys klingeln.

"Der durchschnittliche Lärmpegel im OP liegt bei 63 Dezibel", erklärt Carsten Engelmann von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und Leiter einer Studie, in der die Auswirkungen von Lärm auf das Operationsteam untersucht wurden.

60 bis 80 Dezibel erreicht beispielsweise ein vorbeifahrendes Auto. "Extrem wird es, wenn OP-Bestecke in eine Metallschüssel geworfen werden oder ein Hocker umfällt. Dann kommt es zu kurzzeitigen Spitzen von bis zu 100 Dezibel", erläutert der Wissenschafter. Zum Vergleich: Rasenmäher liegen im Bereich um die 80 Dezibel.

Weniger Komplikationen durch weniger Lärm

In der Studie wurde die Geräuschkulisse bei 156 operativen Eingriffen an Kindern und Jugendlichen, die länger als 20 Minuten dauerten, untersucht. Zunächst ermittelten die Forscher den Status quo im Operationssaal. Anschließend wurde ein Geräuschsenkungsprogramm implementiert, das sowohl technische Modifikationen als auch kommunikative Verhaltensregeln umfasste.

Konkret: Türen wurden möglichst geschlossen, optische Geräuschwarner gut sichtbar angebracht, Telefone auf optische Signale umgestellt und Lärmschutzmaßnahmen bei lauten technischen Geräten umgesetzt. Zudem wurde auf Privatunterhaltungen sowie Handys verzichtet.

So konnte das Lärmniveau im Mittel halbiert werden. Maßnahmen, die auch Vorteile für die Patienten brachten: "Die Komplikationsrate hat sich um die Hälfte reduziert. Es gab weniger Nachblutungen, Infektionen und Nahtinsuffizienzen", berichtet Engelmann.

Smalltalk als Fehlerquelle

Dass Privatunterhaltungen, sprich Smalltalk, im OP-Saal kontraproduktiv sein können, zeigte auch eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Neuenburg und des Instituts für Psychologie der Uni Bern. Die Forscher beobachteten und analysierten dazu die Gespräche des OP-Teams während 167 Operationen am offenen Bauch.

Die untersuchten chirurgischen Eingriffe dauerten im Schnitt 4,6 Stunden. Das Ergebnis: Mehr fallrelevante Kommunikation während der gesamten Operation hatte weniger Wundinfektionen zur Folge. "Maßvoller Smalltalk ist wichtig für das Klima im Team, zu viel Smalltalk während des Verschließens der Operationswunde bedeutete dagegen eine höhere Infektionsrate", sagt Guido Beldi vom Universitätsspital Bern.

"Fallbezogene Kommunikation hilft allen Beteiligten im Operationssaal, immer im Bild zu sein, das erleichtert die Kooperation. Das Zunähen der Operationswunde als Routinevorgang verleitet stärker zum Smalltalk, zu viel davon kann ablenken", interpretiert Psychologin Franziska Tschan von der Universität Neuenburg die Ergebnisse. Dass in vermeintlich weniger heiklen Phasen die Aufmerksamkeit nachlässt und die Ablenkung zunimmt, ist auch aus anderen Bereichen bekannt: So verunglücken etwa Alpinisten häufiger beim Abstieg als beim Erklimmen des Gipfels. (gueb, 15.10.2015)

  • Der Kommunikationsmix ist entscheidend: Weniger Plaudern und mehr sachliche Kommunikation wirken sich positiv auf die Gesundheit der Patienten aus.
    foto: pascal gugler

    Der Kommunikationsmix ist entscheidend: Weniger Plaudern und mehr sachliche Kommunikation wirken sich positiv auf die Gesundheit der Patienten aus.

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