Clinton zeigt Stärke – und Schwächen

Kommentar14. Oktober 2015, 08:34
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Sie gewann die Debatte klar, aber die E-Mail-Affäre lässt an ihrem Urteilsvermögen zweifeln

Hillary Clinton hat Dienstagnacht auf dem Weg ins Weiße Haus einen großen Schritt getan. Sie hat die erste TV-Debatte der demokratischen Präsidentschaftskandidaten klar gewonnen. Sie war eloquent, überzeugend und in den Sachthemen sattelfest.

Sie positionierte sich als linksliberale Pragmatikerin, die eine sozialere Politik auch tatsächlich durchsetzen kann. Ihre Erfahrung aus dem Debattenmarathon gegen Barack Obama im Jahr 2008 wirkt offenbar noch immer nach.

Clinton war stärker als ihr größter Rivale Bernie Sanders, der sich öfter, etwa in der Frage des Waffenbesitzes, in der Defensive fand. Die anderen drei Kandidaten kamen kaum zu Wort und konnten daher ihre ohnehin geringen Chancen nicht steigern.

Sanders stärkt Clinton den Rücken

Und Sanders gab Clinton das schönste Geschenk, indem er sie bei der seit Monaten laufenden Kontroverse über die Nutzung ihres privaten E-Mail-Kontos als Außenministerin nicht attackierte, sondern erklärte, dass die Amerikaner Clintons E-Mail-Affäre satt hätten. Das war großmütig und fair. Sanders weiß offenbar, dass er die Nominierung nicht gewinnen wird; er will zumindest seine politische Integrität bewahren.

Nach dem gestrigen Abend ist es sehr unwahrscheinlich geworden, dass US-Vizepräsident Joe Biden noch gegen Clinton ins Rennen steigt. Er hätte die Chance gehabt, an der Debatte teilzunehmen, zögert aber weiter. Der einzige Grund, es zu tun – abgesehen vom letzten Wunsch seines verstorbenen Sohnes – wären Anzeichen, dass Clintons Kandidatur kollabiert und die Demokraten keinen starken Kandidaten im Rennen ums Weiße Haus haben.

Doch Auftritte wie dieser werden Clinton auch gut gegenüber jedem republikanischen Rivalen aussehen lassen – wer immer es letztlich ist. Bei Sachthemen sind die Demokraten ohnehin auf viel festerem Boden als die Republikaner, die von ihrer Wählerschaft immer weiter nach rechts gezogen werden.

Nicht die Affäre, sondern die Reaktion

Und dennoch bleibt bei Clinton ein Restzweifel übrig. Nicht die E-Mail-Affäre ist das Problem, sondern Clintons ungeschickte, sogar inkompetente Reaktion auf die Enthüllungen der "New York Times" im März dieses Jahres. Wie die Website politico.com nun berichtet, ignorierte Clinton die Ratschläge ihrer politischen Berater, sich der Sache offen zu stellen und Fehler einzugestehen, steckte den Kopf in den Sand und sagte bloß bei jeder Gelegenheit: "Ich habe doch nichts Illegales getan."

Da die Fragen nicht verstummten, musste sie sich am Ende doch entschuldigen. Diese Vorgangsweise stellt ihr Urteilsvermögen und ihre Fähigkeit zum Krisenmanagement infrage.

Vor der Debatte hieß es unter Beobachtern, Clinton werde eine gute Präsidentin, aber eine schwache Kandidatin abgeben. Doch auch das Gegenteil ist möglich. (Eric Frey, 14.10.2015)

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