Frühstück mit dem One-Night-Stand

15. Oktober 2015, 15:00
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Edles Ende oder unangebrachte Entdeckung

foto: dpa / martin gerten

Pro
von Ljubiša Tošić

Bonton-Berater Freiherr Knigge hat zu diesem Thema Wesentliches gesagt: "Lasse niemand von Dir, ohne ihm etwas Verbindliches gesagt zu haben! Und dies auf eine Art, die ihm wohltue und ihm nicht die Empfindung einflöße, dass die Stunde sinnlos blieb, die er bei Dir zugebracht.

Er möge fühlen, dass Du nicht bloß deine Höflichkeitsware ohne Unterschied jedem Vorübergehenden verkaufest! Wenn also zur Morgenstunde der Bettplatz neben dir noch nicht geleert ist, wenn die Dame (oder der Herr) deiner flüchtigen Sympathie, mit dem (oder der) du nach den Gesetzen der Nacht die Bewirtschaftung eurer Bedürfnisse vorgenommen hast, noch da ist, bleibe höflich!

Das gemeinsame Morgenmahl möge genüsslich zum gütigen Ende bringen, was so hingebungsvoll begann. Und falls das Gegenüber lästig wird, steht es dir immer frei, durch deftige Beleidigung von Tischsitten jene (oder jenen) in die Flucht zu jagen. Bedenke aber: Wer nur in Zerstreuungen lebt und die Dinge nicht edel zu Ende bringt, der wird fremd in seinem eignen Herzen!" Dem ist nichts hinzuzufügen.

Kontra
von Doris Prieschig

Ich will ja nichts schlechtreden, und es ist eine Zeit her, doch eines weiß ich bestimmt: Es lohnte selten, und wenn doch, dann war es klug, es dabei zu belassen.

Das Thema ist heikel, ich flüchte mich in ein anschauliches Beispiel: Uma Thurman und Jeffrey Dean Morgan im Film "Zufällig verheiratet". Sie, Sextante im Radio, ist dem faden Colin Firth versprochen. Er, Feuerwehrmann mit dicken Pratzen, die gern zupacken, lockt sie aus der Reserve, nach endlosem Ringen passiert schließlich das Unvermeidliche, gänzlich Überraschende: in gelboranges Licht getunkter Kitschsex, und am nächsten Morgen – Sie ahnen es – trägt sie sein T-Shirt, und er kredenzt Rührei.

Gut, das zwischen Thurman und Morgan war kein One-Night-Stand, sondern lief auf den More-Night-Stand hinaus. T-Shirt und Rührei bringen es dennoch auf den Punkt: Wozu fremde Kleidung tragen und Eier essen, während es draußen so viel Schönes zu entdecken gibt? Oder, um es mit Rilke zu sagen: Wenn du an mich denkst, erinnere dich an die Stunde, in welcher du mich am liebsten hattest. (RONDO, 16.10.2015)

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