Deaton: Freihandel statt Entwicklungshilfe

14. Oktober 2015, 05:30
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Entwicklungshilfe ist schlecht, sagt Angus Deaton. Nur mit Anreizen für Wachstum könne die weltweite Armut bekämpft werden

Wien – Die Welt ist besser denn je, die Menschen werden immer gesünder, wohlhabender und leben länger. Diesen Befund stellt Angus Deaton seinem bedeutendsten Werk zum Thema Ungleichheit und Armutsbekämpfung voran. In Das große Entkommen gesteht er der Armutsbekämpfung zahlreiche Erfolge zu. "Wir haben in den vergangenen 20 Jahren einen bemerkenswerten Fortschritt gemacht", sagte Deaton auch am Montag, nachdem er als Wirtschaftsnobelpreisträger verkündet worden war. Diesen bekommt er nicht nur für seine empirische Arbeit zu den Themen Konsum und Arbeit, sondern auch für seinen Beitrag zur Armutsforschung.

In Letzterer schlägt den reichen Ländern nicht Lob, sondern in erster Linie Kritik entgegen. Ihr Weg, die weltweite Armut vor allem mittels Entwicklungshilfe zu bekämpfen, sei verfehlt. Deatons Fazit: Es fehlt nicht am Geld, sondern am sinnvollen Einsatz. Dabei wird selbst über die Finanzierung oft gestritten: Österreich verfehlt das Entwicklungshilfeziel von 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens deutlich. Schätzungen zufolge werden jährlich rund drei Billionen Dollar benötigt, um bis 2030 die neuen Uno-Ziele wenigstens teilweise umzusetzen.

Budgethilfen ohne Auflagen

Für Deaton ist Entwicklungshilfe nicht nur ineffizient, sondern sogar schädlich. Weil speziell in Subsahara-Afrika Hilfszahlungen oft einen großen Teil der staatlichen Einnahmen ausmachen, bestehe kein Anreiz für die dortigen Regierungen, wachstumsfreundliche Strukturen aufzubauen. Diese würden etwa Bildungsmöglichkeiten und Rechtssicherheit bei Firmengründungen umfassen. Entwicklungshilfe fördert Korruption, sagte Deaton unlängst in einem Interview, würden die Gelder doch in den Taschen schlechter Machthaber landen.

Zweckgebundene Gelder für den Bau von Straßen, Bewässerungskanälen und Schulen wurden speziell in den 2000er-Jahren von Budgethilfen verdrängt, die ohne viele Auflagen vergeben wurden, bestätigt Werner Raza, Leiter der Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung. Dies sei international allerdings mehr und mehr als Fehlentwicklung erkannt worden, das Pendel zuletzt wieder stärker in Richtung Zweckbindung und Transparenzauflagen ausgeschlagen.

Einseitige Handelspolitik

Deaton sieht außerdem ein Problem darin, dass nicht nur Geld von den entwickelten in ärmere Länder fließt, sondern auch subventionierte Lebensmittel und Waffen. Weil beispielsweise die Getreidepreise auf dem Weltmarkt so niedrig sind, bliebe afrikanischen Bauern keine Grundlage, um der Armut zu entfliehen. Beim Abbau einseitiger Zölle und anderer Handelshemmnisse müsse also angesetzt werden, nicht bei der Entwicklungshilfe.

Auch in einem kürzlich veröffentlichten Bericht der Weltbank wird betont, dass nur mit einer langfristig orientierten Handelspolitik und Maßnahmen für soziale Absicherung in den Ländern selbst die Armut bekämpfen werden kann.

Dauerhafte Fluchtbewegung

Wichtig sei außerdem, weniger wohlhabende Staaten am wissenschaftlichen Fortschritt teilhaben zu lassen. Dazu gehöre beispielsweise die Entwicklung von Medikamenten. Deaton führt in seinem Buch die Verbreitung von Antibiotika und Impfungen sowie den Zugang zu sauberem Wasser als Positivbeispiele an. Speziell für die Pharmaindustrie müssten viel mehr Anreize zur Forschung geschaffen werden, um in Entwicklungsländern verbreitete Krankheiten heilen zu können.

Die aktuelle Flüchtlingskrise ist für Deaton übrigens das Resultat einer jahrhundertelangen Zunahme der Ungleichheit, vor allem zwischen statt innerhalb von Staaten: "Ich glaube, Armutsbekämpfung in armen Ländern wird das Problem lösen, aber das wird noch für eine lange Zeit nicht der Fall sein." Kurzfristig helfe nur die Stabilisierung der politischen Situation in Krisenländern. (Simon Moser, 14.10.2015)

  • Akute Nothilfe ja, rein finanzielle Hilfe ohne Zweckbindung nein: So steht Nobelpreisträger Angus Deaton zur weltweiten Armutsbekämpfung.
    foto: ap/channi anand

    Akute Nothilfe ja, rein finanzielle Hilfe ohne Zweckbindung nein: So steht Nobelpreisträger Angus Deaton zur weltweiten Armutsbekämpfung.

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