Vorbild Deutscher Buchpreis: Mehr Lorbeer fürs Dichten

Kommentar13. Oktober 2015, 17:51
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Auf einfache Erklärungen darf der Leser nicht hoffen

Wie wohltuend hebt sich das Siegerbuch des diesjährigen Deutschen Buchpreises vom üblichen literarischen Kommerzbetrieb ab. Schon wer den Titel behalten will, wird zu einer kleinen Gedächtnisübung angeregt: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969. Sein Autor, der Offenbacher Frank Witzel (60), ist ein Außenseiter des Literaturbetriebes. Der voluminöse Ziegel zerfällt in zahllose Episoden. Wer sich einen Weg durch das Textgelände bahnen möchte, muss Geduld aufbringen. Auf einfache Erklärungen darf er nicht hoffen. Viel zu irrwitzig durchdringen einander die Gedanken, Zeiten und Worte.

Auch das ist also möglich: Eine Buchpreis-Jury huldigt bewusst einem "genialischen Sprachkunstwerk" (aus der Begründung). Sie würdigt, was Literatur – im emphatischen Sinne des Wortes – zu leisten imstande ist. Nur so schafft man Öffentlichkeit.

So viel Widersetzlichkeit im Großen würde man sich auch im Kleinen wünschen. Seit zwei Jahren wirbt eine von Gustav Ernst und Gerhard Ruiss gestartete Initiative für die Ausrufung eines "Österreichischen Buchpreises". Doch der Hauptverband des Österreichischen Buchhandels hält weiter Tiefschlaf. Dabei lassen es sich nicht einmal die Schweizer nehmen, einen Buchpreis für ihre Dichter auszuloben. Deutschland hat Witzel. Und Österreich hätte Autoren und Autorinnen mit Witz zuhauf. (Ronald Pohl, 13.10.2015)

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