Linken-Ikone Gysi wird zum Hinterbänkler

13. Oktober 2015, 18:31
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Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht übernehmen gemeinsam die Fraktionsspitze der Linken

Für die deutsche Linkspartei endete am Dienstag eine Ära: Nach fast zwanzig Jahren an der Fraktionsspitze zog sich Gregor Gysi von selbiger zurück und machte für seine Nachfolger Platz. Künftig führen seine bisherige erste Stellvertreterin, Sahra Wagenknecht, und sein zweiter Vize, Dietmar Bartsch, gleichberechtigt die Fraktion.

Das ungleiche Duo steht für die Flügelkämpfe, die die Partei und die Fraktion immer noch plagen: Bartsch (57) zählt zu den gemäßigten Reformern, Wagenknecht (46) setzt auf einen strammen Oppositionskurs der Linken. Vor drei Jahren noch hatten sich Bartsch und Wagenknecht hart bekämpft, nun müssen sie die größte Oppositionsfraktion im Bundestag gemeinsam führen. Bei der Wahl am Dienstag schnitt Wagenknecht deutlich schlechter ab als Bartsch. Sie bekam 78,3 Prozent der Stimmen, Bartsch 91,6 Prozent.

Ein Bündnis mit der SPD nach der Bundestagswahl 2017 wollte die neue Vorsitzende am Dienstag nicht ausschließen. Bedingungen seien allerdings ein Verbot von Leiharbeit, eine Millionärssteuer und den Stopp des geplanten transatlantischen Freihandelsabkommens TTIP.

Drei Herzinfarkte, ein Hörsturz, eine Hirnoperation

Gysi bleibt dem Bundestag aber erhalten. Er wird, zum ersten Mal seit 25 Jahren, Hinterbänkler. Sein Abschied ist freiwillig und auch seiner Gesundheit geschuldet. Er hatte in den vergangenen Jahren drei Herzinfarkte, einen Hörsturz und eine Hirnoperation.

Doch letztendlich, so munkelt man in Berlin, hatte die Galionsfigur der Linken auch nicht mehr die Kraft und die Lust, die ständig streitende Bewegung zusammenzuhalten. "Ich bin zu 90 Prozent Politiker, zu sechs Prozent Anwalt, zu vier Prozent Publizist und Moderator", hat er einmal über sich selbst gesagt.

Inhaltlich wird er sich nun im außenpolitischen Ausschuss der Fraktion einbringen. Zudem will er wieder mehr als Rechtsanwalt arbeiten und eine Biografie schreiben. Es gebe auch Pläne, über die er noch nicht reden dürfe, hat er verraten. Möglich ist eine Talk-Show, bei der Gysi nicht Gast, sondern Gastgeber ist. Eine Rückkehr als Minister im Falle einer rot-rot-grünen Koalition nach 2017 schließt der 67-Jährige aus: "Ich würde dann ja auch schon in meinem neuen Lebensabschnitt stecken, zu dem das nicht mehr passt." (Birgit Baumann aus Berlin, 13.10.2015)

  • Dietmar Bartsch (li.) kann Gregor Gysi jederzeit um Rat fragen.
    foto: imago / stefan zeitz

    Dietmar Bartsch (li.) kann Gregor Gysi jederzeit um Rat fragen.

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