Forschungsexperte: "Skifahren hat hier mehr Gewicht als die Physik"

Interview14. Oktober 2015, 17:52
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Zwanzig Jahre Doppler-Gesellschaft: Reinhart Kögerler, seit Anbeginn Präsident, zieht Bilanz und vergleicht sich mit einem Weinhändler

STANDARD: Grundlagenforschung an den Unis, die von der öffentlichen Hand und von Unternehmen kofinanziert wird: Das Konzept der Christian-Doppler-Labors wird seit 20 Jahren umgesetzt. Was war die Basis für den Erfolg?

Kögerler: Es war insgesamt wichtig, dass die Unis Strukturschwächen überwunden haben, die in den 1980er-Jahren auf dem Höhepunkt waren, als viele Positionen "permanentisiert" und damit für nachrückende junge Wissenschafter blockiert wurden. Dank des Universitätsorganisationsgesetzes von 2002 gibt es das kaum mehr. Das Gesetz ist da viel strenger als vorhergehende Regelungen, gegenüber jungen Wissenschaftern und Hochschullehrern sicher manchmal zu streng. Die Unis haben erkannt, dass sie sich gegenüber der Wirtschaft öffnen müssen. Selbstzufriedenheit wie in früheren Jahren, als man an den Unis oft flotte Sprüche wie "Wir sind die Besten" hörte, kann man sich nicht mehr leisten – auch aufgrund der vielen Rankings, in denen die Unis nicht gut abschneiden. Nur einzelne Gruppen sind wirklich Weltspitze.

STANDARD: War es einfach, Unternehmen zur Förderung der Grundlagenforschung zu bewegen?

Kögerler: Nein, am Anfang war das eine große Herausforderung. 1995 gab es vielleicht fünf bis sechs Unternehmen, die bereit waren, grundsätzlich an Forschungsfragen heranzugehen. Und sie waren alle der Meinung: Wer zahlt, schafft an. Diese Zahl hat sich deutlich erhöht: Heute sind wir bei 150 Unternehmen, die sich Grundlagenforschung über die Christian-Doppler-Forschungsgesellschaft leisten wollen. In den ersten Sitzungen wollten die Unternehmensvertreter noch allein die Bedingungen vorgeben und sprachen von einer kurzfristigen, spezifizierten Planung möglicher Anwendungen.

STANDARD: Hat sich diese Einstellung gewandelt?

Kögerler: Langsam wurde auch den hartnäckigsten Wirtschaftsleuten klar, dass man die Bedingungen der Wissenschaften respektieren muss: Forscher brauchen ein breites Spektrum und einen ausreichend großen Freiraum. Ich kann mich noch erinnern, als der ehemalige, leider schon verstorbene Forschungschef der Voest, Wilfried Krieger, selbst anfangs ein Verfechter der schnellen Entwicklungsschritte, später einmal einen Unternehmer belehrte, dass Wissenschafter für ihre Forschung Zeit brauchen. Das hat mich ehrlich bewegt. Unternehmer, die verstanden haben, dass die Grundlagenforschung wichtig ist, sind in ihrem Bereich Technologieführer.

STANDARD: Der Konsens, dass es ohne Grundlagenforschung nicht geht, scheint hierzulande in der Industrie und in der Politik weitverbreitet zu sein. Dennoch ist sie unterfinanziert. Warum?

Kögerler: In Österreich hat man leider erst Ende der 1980er-, Anfang der 1990er-Jahre erkannt, dass Wohlstand auch durch Grundlagenforschung kommt. Zuvor dachte man, dass es ausschließlich die Kultur des Landes und der Tourismus sind und dass man Grundlagenwissen aus dem Ausland zukaufen kann. Die Schweizer Industrie hat lange vorher gewusst, dass es ohne Grundlagen nicht geht. Sie mussten ohne Hilfe des Staates wettbewerbsfähig bleiben. In Österreich war das nicht so. Außerdem scheinen Oper und Skifahren hier bis heute mehr Gewicht zu haben als Physiker oder Geisteswissenschafter. In der Schweiz sind Wissenschafter angesehener.

STANDARD: Sind da nicht auch die Politiker verantwortlich?

Kögerler: Es gibt Länder, wo die Premierminister sich regelmäßig mit Wissenschaftern treffen, um gesellschaftliche Herausforderungen zu diskutieren. Das fehlt mir hierzulande. In Deutschland ist das selbstverständlich. Da verwundert es nicht, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG, auch wenn man das Bevölkerungsverhältnis zu Österreich einbezieht, deutlich mehr Geld für Projekte erhält als ihr Pendant, der österreichische FWF, nämlich drei Milliarden statt 200 Millionen, die es hier gibt. Man muss hier der Grundlagenforschung mehr Geld geben. Da es langfristig aufgrund einiger Altlasten wie der Hypo Alpe Adria nicht mehr Geld für Förderungen geben wird, muss man wohl innerhalb dieses Gesamtbudgets Verschiebungen vornehmen.

STANDARD: Das heißt nicht, dass die gut dotierte Industrieforschung zugunsten der Grundlagenforschung auf Mittel verzichten sollte, oder?

Kögerler: Das wäre schon eine Möglichkeit. Dabei müsste aber garantiert sein, dass all jene Maßnahmen, die für die Unternehmen einen wirklichen Anreiz zur Forschung bilden, erhalten bleiben. Es gibt aber viele Töpfe, die gut gefüllt sind, wo man Mittel freischaufeln könnte. Es sind aber auch mit der bestehenden Mittelvergabe noch lange nicht alle Hebel betätigt worden, um die Forschung in Österreich anzukurbeln. Wir finanzieren nun ein neues Sonderprogramm – "Partnership in Research" – mit einer Million Euro, das vom Wissenschaftsfonds FWF abgewickelt wird. Damit sollen Forscher gefördert werden, die Projekte haben, von denen sie glauben, dass sie für Unternehmen interessant sind und dann eventuell zu einem Christian-Doppler-Labor oder Josef-Ressel-Zentrum führen können. Im Rahmen dieser Projekte sollen die Forscher Partnerschaften mit Unternehmen suchen.

STANDARD: Blicken wir auch zwanzig Jahre nach vorn: Was muss sich Ihrer Meinung nach in der österreichischen Forschungsszene ändern, damit sie konkurrenzfähig bleibt?

Kögerler: Ich hoffe, dass die Universitäten nicht mehr wachsen, sondern eher kleiner werden, damit sie ihre Hauptaufgabe, die Ausbildung junger Wissenschafter, besser erfüllen können; dass sich Schwerpunkte deutlicher herausbilden und dass andererseits die Fachhochschulen stärker werden, auch um die Unis in den Massenfächern zu entlasten. Und ich hoffe, dass die international sichtbaren österreichischen Unternehmen mit Innovationen ihre Marktposition stärken – zum Teil mit Entwicklungen, die sie aus Doppler-Labors bekommen.

STANDARD: Sie sind nun 72. Wie lange geben Sie sich selbst noch als Präsident der Christian-Doppler-Forschungsgesellschaft? Was wollen Sie danach machen?

Kögerler: Natürlich hat das ein Ablaufdatum. In absehbarer Zeit werde ich um einen geordneten Übergang bitten. Dann werde ich vielleicht wieder mehr Grundlagenforschung betreiben. Ich habe ja nie wirklich damit aufgehört. Denn sonst wäre ich wie ein Weinhändler gewesen, der keinen Wein trinkt. (Peter Illetschko, 14.10.2015)


Reinhard Kögerler (72) geboren in Mistelbach, studierte an der Uni Wien Theoretische Physik. Auslandsaufenthalte am Cern und in der ehemaligen Sowjetunion. 1981 wurde er zum Professor für Theoretische Physik an der Uni Bielefeld berufen, 1992 bis 1999 war er Sektionschef im Wirtschaftsministerium. Seit 1995 ist er Präsident der Christian-Doppler-Forschungsgesellschaft, die zu 50 Prozent vom Wissenschafts- und Wirtschaftsministerium und zu 50 Prozent von der Industrie unterstützt wird.

  • Ein Präsident im Spiegel einer zwei Jahrzehnte langen Geschichte: Reinhart Kögerler, Chef der Christian-Doppler-Gesellschaft, ist seit zwanzig Jahren im Amt.
    foto: heribert corn

    Ein Präsident im Spiegel einer zwei Jahrzehnte langen Geschichte: Reinhart Kögerler, Chef der Christian-Doppler-Gesellschaft, ist seit zwanzig Jahren im Amt.

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