Dietmar Bartsch führt künftig die Fraktion der deutschen Linken

Kopf des Tages13. Oktober 2015, 16:03
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Ein linker Reformer rückt in die erste Reihe

Gregor Gysi, der nun scheidende Fraktionschef der deutschen Linken, hat einmal einen Preis bekommen, der seinem Nachfolger Dietmar Bartsch wohl eher nicht zuteilwerden wird. Das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen zeichnete Gysis Rede zum NSA-Skandal im Bundestag vom 18. November als Rede des Jahres 2013 aus.

Bartsch weiß, dass auch abseits der Linken viele im Bundestag den Rückzug Gysis von der Fraktionsspitze bedauern, denn Gysi ist ein brillanter Rhetoriker und sorgte oft für Heiterkeit im Hohen Haus. Doch der deutlich zurückhaltendere Bartsch, der nun die Fraktion gemeinsam mit Sahra Wagenknecht führen wird, sagt auch selbstbewusst: Ich bin nicht Gysi, ich bin anders.

Wie sein Vorgänger und wie auch Wagenknecht stammt Bartsch aus dem Osten Deutschlands. Geboren wird er in Stralsund (im heutigen Mecklenburg-Vorpommern). Nach dem Abitur studiert er in Ostberlin Politische Ökonomie, in die SED tritt er 1977 ein. In Moskau ist er von 1986 bis 1990 Aspirant an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der KPdSU.

Hängengeblieben

Kaum hat Bartsch dort promoviert, gibt es die DDR nicht mehr, und Deutschland ist schon wiedervereinigt. Die PDS, Nachfolgerin der SED, wird von einem Finanzskandal fast ruiniert, da holt Gysi Bartsch in den Vorstand. Und irgendwie bleibt der heute 57-Jährige dann in der Politik bei der Linken hängen.

Er wird Bundesgeschäftsführer, Bundesschatzmeister und hinter Wagenknecht Zweiter Stellvertreter Gysis an der Fraktionsspitze. Bartsch zählt bei den Linken zum gemäßigten Reformflügel, er kann sich eine Koalition mit der SPD durchaus vorstellen und bekommt bei der Vorstellung, die Linke könnte eines Tages auch im Bund regieren, keine Schweißausbrüche wie so manch andere Genossen.

All die Jahre hatte er eine Art inoffizielle Funktion in der Partei: Er war der Gegenspieler des linken Oskar Lafontaine. Die Abneigung ging so weit, dass Bartsch dessen Anhänger einmal als "Lafodödel" bezeichnete. 2012 wäre Bartsch gerne Parteichef geworden, doch er unterlag Bernd Riexinger.

Jetzt aber rückt er im Bundestag in die erste Reihe vor. Nur die Sache mit Lafontaine ist immer noch nicht geklärt. Denn Barsch führt die Fraktion ja nicht allein, sondern gemeinsam mit Wagenknecht, und die ist bekanntlich mit dem Saarländer Lafontaine verheiratet. (Birgit Baumann, 13.10.2015)

  • Bartsch (re.) mit Vorgängerin Wagenknecht.
    foto: epa/kay nietfeld

    Bartsch (re.) mit Vorgängerin Wagenknecht.

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