Kosmonaut Schkaplerow will dorthin, wo noch niemand war

16. Oktober 2015, 09:06
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Anton Schkaplerow verbrachte insgesamt ein Jahr auf der Internationalen Raumstation. Bei einem Besuch an der FH Wiener Neustadt erzählte er davon

Wiener Neustadt – Vor ein paar Monaten war Anton Schkaplerow noch im All. Am 11. Juni 2015 landete der Kosmonaut sicher auf einem Feld inmitten Kasachstans. Mit an Bord des Sojus-Flugs, dessen Kommandant er war, befanden sich die Italienerin Samantha Cristoforetti und der US-Amerikaner Terry Wayne Virts. Knapp 200 Tage verbrachten sie auf der Internationalen Weltraumstation (ISS). Schkaplerow sagt, dass er an etwa 50 Experimenten an Bord der Raumstation beteiligt war.

Der Russe hält Vorträge über sein Training, sein Leben im All. Flankiert von zwei Übersetzern und seiner Frau Tatjana Petrowna erscheint er im Audimax der Fachhochschule Wiener Neustadt. Auf seiner blauen Jacke prangt ein Russlandaufnäher. Er wirkt ruhig, entspannt, dennoch konzentriert. In den locker gefüllten Reihen sitzen vor allem Studierende des hier ansässigen Masterstudiengangs Aerospace Engineering. Sie warten darauf, Fragen stellen zu können. Eine seltene Gelegenheit: Nur etwa 550 Menschen waren bisher im All.

Kosmonaut als Superheld

Der Kosmonaut hat eine Art Imagefilm mitgebracht. Bilder von seinem ISS-Aufenthalt reihen sich zu dem Lied "The Final Countdown" aneinander. Nach dem Film erzählt er, dass er im Alter von 16 Jahren schon allein Flugzeuge steuerte. Dass er versuchte, immer gute Noten zu haben und sich Schritt für Schritt vorarbeitete. Kein Alkohol, kein Tabak, keine Drogen. Als Bub waren Kosmonauten für ihn "Supermänner". Jetzt, da er selbst Kosmonaut ist, soll seine Attitüde auch, so scheint es, jener eines Helden gerecht werden. Sein schönster Moment? – Sein erster Flug, als sich sein Kindheitstraum erfüllte.

Schkaplerow, 1972 in Sewastopol auf der Halbinsel Krim geboren, absolvierte eine Militärakademie, war Kampfpilot, Fallschirmspringer und Ausbildner. 2003 wurde er für die Kosmonautenausbildung ausgewählt, er war Einsatzleiter der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos am Johnson Space Center in Houston, bevor er für seinen ersten Langzeitaufenthalt trainierte. 2011 flog er das erste Mal ins All – für ein knappes halbes Jahr. Damals schon als Kommandant einer Sojus.

Zu den Höhepunkten seiner Karriere gehört ein mehr als sechsstündiger Außenbordeinsatz. Dabei versetzte er mit seinem Kollegen Oleg Kononenko einen Kran, der auf der Erde 200 Kilogramm wiegen würde, von einem Modul auf ein anderes. Sie installierten außerdem Instrumente für ein Experiment an der Außenhülle, das den Einfluss der Konditionen im Weltall auf verschiedene Materialen untersucht.

Wie man sich dabei fühlt? "Man muss stark sein." In dem kleinen Raumfahrzeug, das alle nötigen Systeme für das Überleben im All mitführt, ist Bewegung nicht einfach. "Wenn man eine Faust macht, ist das, als ob man einen Tennisball zusammendrückt. Das 20-mal zu machen ist kein Problem. Während eines Außenbordeinsatzes muss man das aber 1000-mal machen." Außerdem müsse man vorsichtig sein, um die dünne Außenhülle der Module nicht zu beschädigen.

Unspektakulärer Alltag

Die normalen Tagesabläufe auf der ISS sind vergleichsweise wenig spektakulär. Schkaplerow erzählt vom Zeitplan, bei dem sich 8,5 Stunden Schlaf, zwei Stunden Training mit Ergometer und Expander und 6,5 Stunden Arbeit an Experimenten aneinanderreihen. Viele der Alltagstätigkeiten müsse man in der Schwerelosigkeit der Raumstation neu lernen. "Für das Waschen nach dem Training mithilfe eines nassen Handtuchs benötigte ich am Anfang eine Stunde, später nur noch sieben bis acht Minuten."

Das Wochenende auf der ISS wird vielen Erdbewohnern bekannt vorkommen: Eigentlich hat man frei, am Samstag wird aber dennoch die Station geputzt, mit nassen Tüchern und einem Staubsauger. Am Sonntag stehen Konferenzschaltungen mit der Erde auf dem Plan. Auch das stille Örtchen bedarf hochrangiger Aufmerksamkeit: "Wenn die Toilette kaputtgeht, repariert sie der Kommandant. Es ist ein sehr kompliziertes Gerät, und der Kommandant ist am besten geschult."

Fehlalarme stehen in der ISS auf der Tagesordnung. "Wir waren das mit der Zeit gewohnt", sagt Schkaplerow. Einmal, erzählt er, wurde Ammoniak in der Atmosphäre der Station angezeigt. Bei hoher Konzentration des Gifts würden ein bis zwei Atemzüge genügen, um zu sterben. Das ganze Team habe sich im russischen Modul eingeschlossen und die Sache überprüft. Ergebnis: ein technischer Fehler, leere Batterien. Denkt man da daran, dass man hier sterben könnte? "Ja. Es hätte ein echter Alarm sein können. Alle waren vorbereitet." Auf die Frage des STANDARD, ob ihn das Jahr, das er bisher im All verbrachte, sein Denken und seine Sicht auf das Leben verändert habe, antwortet der Kosmonaut: "Ja, ich wurde ruhiger. Dinge, die früher vielleicht ein Problem waren, sind jetzt nicht mehr so wichtig für mich. Ich bin freier von diesen Dingen."

Der nächste Schritt der Raumfahrt könnte ein bemannter Flug zum Mars sein. Ob er das machen würde? "Natürlich. Zuerst hatte ich den Traum, Kosmonaut zu werden. Jetzt habe ich den Traum, dorthin zu gehen, wo noch niemand war. Ich bin bereit." (Alois Pumhösel, 16.10.2015)

  • Hier hat der Kosmonaut Anton Schkaplerow einen mehr als sechsstündigen Außenbordeinsatz an der ISS hinter sich.
    foto: nasa

    Hier hat der Kosmonaut Anton Schkaplerow einen mehr als sechsstündigen Außenbordeinsatz an der ISS hinter sich.

  • Kürzlich hielt er einen Vortrag in Wiener Neustadt.
    foto: nasa

    Kürzlich hielt er einen Vortrag in Wiener Neustadt.

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