Wie es Kindern geht, wenn Eltern nicht abschalten können

15. Oktober 2015, 07:00
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Laut einer US-Studie merken es Kinder, wenn ihre Eltern gestresst sind, weil sie zu Hause weiterarbeiten

Viele Arbeitnehmer checken auch nach der Arbeit E-Mails, nehmen Anrufe entgegen, bereiten sich auf das Meeting am nächsten Tag vor. Wie ihre Kinder darüber denken, zeigt nun eine US-amerikanische Studie mit 754 Kindern und Jugendlichen zwischen acht und 14 Jahren, über die die "Harvard Business Review" berichtet.

Sechs von zehn Kindern bemerken laut der Studie des "Project: Time Off" der US Travel Association, wenn ihre Eltern nicht abschalten können. 75 Prozent der Befragten gaben an, dass Mama und Papa nach der Arbeit zu Hause weiter arbeiten.

Wichtige Events nicht missen

Und auch die damit häufig verbundene schlechte Laune scheint den Kindern aufzufallen, sagt Studienautorin Katie Denis: "Kinder, deren Eltern noch nach der Arbeit E-Mails checken, sagen doppelt so häufig, dass diese griesgrämig sind, wie Kinder, deren Eltern die Arbeit abends links liegen lassen."

Ein Stress, der sich auf die gesamte Familie überträgt: "Sind Eltern belastet, belastet das auch die Kinder", sagt Denis.

foto: istock
Kindern fällt auf es auf, wenn ihre Eltern zu Hause alle Aufmerksamkeit auf die Arbeit richten.

Sechs von zehn Kindern stört es, wenn Eltern zu lange im Büro bleiben und/oder auch noch zu Hause arbeiten. Besonders bitter für sie offenbar: wenn Eltern jobbedingt wichtige Veranstaltungen versäumen, sei es die Schulaufführung, der Elternsprechtag, die Weihnachtsfeier oder das Fußballspiel. So gaben fast zwei Drittel der Kinder (59 Prozent) an, dass sie enttäuscht sind, wenn ihre Eltern bei einem wichtigen Event nicht mit von der Partie sind. 58 Prozent konnten sich noch an die letzte Veranstaltung erinnern, bei der ihre Eltern nicht dabei gewesen waren.

Mit einfachen Gesten

Fast die Hälfte der Kinder gaben an, dass sie die Zeit, die sie mit ihren Eltern verbringen, uneingeschränkt genießen. Und dabei kommt es ihnen gar nicht darauf an, außergewöhnliche Aktivitäten oder teure Ausflüge zu unternehmen – gefragt, was sie am liebsten mit ihren Eltern unternehmen würden, stand ganz oben auf der Wunschliste: Ich möchte, dass meine Eltern mich auf dem Schulweg begleiten. Oder, wie es eine Elfjährige formulierte: "Es kommt gar nicht darauf an, was wir machen, Hauptsache ist, dass es Spaß macht."

Einfacher gemeinsamer Zeitvertreib scheint also bereits einen positiven Einfluss auf das Wohlbefinden von Kindern zu haben. Während nur 19 Prozent der Kinder in der Umfrage angaben, dass sie jeden Tag gut gelaunt starten, meinten 60 Prozent, dass ihre Stimmung an Tagen, an denen sich ihre Eltern Zeit für sie nehmen, besonders gut sei.

foto: dpa/patrick pleul
Es muss nicht immer Drachensteigen sein. Schon einfache Gesten reichen offenbar aus, um Kinder glücklich zu machen. Auf der Liste der Lieblingsaktivitäten ganz oben: zur Schule und zurück begleiten.

Rund um die Uhr als neue Norm

"Was mich am meisten beunruhigt", sagt Denis, "ist die Tatsache, dass wir Kindern nicht nur vermitteln, dass es normal ist, rund um die Uhr zu arbeiten – wir erzeugen auch eine neue Norm. Und wenn unsere Kinder auch anfangen, so zu denken und sich so zu verhalten, dann wird die Arbeitswelt nur schlimmer."

Mit dem Bericht wollen die Studienautoren "keineswegs dazu beitragen, dass sich Eltern schuldig fühlen", so Denis, sondern "nur darauf aufmerksam machen, was ihre Kinder möglicherweise denken, aber nicht sagen". Ihr Fazit: "Zeit mit Kindern ist wertvoll." Deshalb solle es Eltern nicht darum gehen, sich in allen Lebensbereichen noch mehr abzuverlangen – der einfachste Weg sei, unverbrauchte Urlaubstage in Anspruch zu nehmen. (lib, 15.10.2015)

Info

Für die Studie "The Work Martyr's Children" des "Project: Time Off" der US Travel Association wurden Umfragedaten von 754 US-amerikanischen Kindern im Alter zwischen acht und 14 Jahren ausgewertet. Befragt wurden auch deren Eltern sowie Experten.

Link

Die Studie zum Download (PDF)

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