Drogenselbsthilfe: Süchtige veranstalten Tagung

14. Oktober 2015, 05:30
23 Postings

Süchtige in Vorarlberg erleben Diskriminierung und Stigmatisierung. Mit einer Tagung machen Selbsthilfevereine auf das Problem aufmerksam

Dornbirn – Stillstand in Drogenpolitik und Drogenhilfe orten Vorarlberger Suchtkranke. Mit einer Selbsthilfetagung am Freitag, der ersten dieser Art in Österreich, wollen die Vereine Starke Süchtige, Do it yourself und Ex & Hopp auf Probleme Süchtiger aufmerksam machen. Diskriminierung und Stigmatisierung seien Alltag. Es fehle an Clean-Use-Räumen für den kontrollierten Drogenkonsum, es mangle an medizinischer Expertise in den Praxen wie bei den Behörden, kritisierten die Tagungsveranstalterinnen und -veranstalter bei einer Pressekonferenz am Dienstag in der Beratungsstelle von Ex & Hopp in Dornbirn.

Mit der Tagung wollen die Drogengebraucherinnen und -gebraucher ihre Kompetenz in eigener Sache zeigen und in den Dialog mit Behörden, Politik und Ärzteschaft treten. Gesprochen werden soll über Diskriminierung, Systemzwänge, Armutsgefährdung und soziale Ausgrenzung. Gemeinsam will man die Behandlungs- und Betreuungsqualität verbessern.

Willkür beim Amtsarzt

600 Menschen befinden sich in Vorarlberg in Substitutionsprogrammen, sie werden von zehn Ärzten betreut. "Viel zu wenige", kritisiert Monika R. von Do it yourself. Und: "Ärzte wollen sich nicht mit der Problematik der einzelnen Patienten auseinandersetzen. Es fehlt am Verständnis für unsere Bedürfnisse, an Respekt. Bei den Substitutionsmedikamenten wird zu gering dosiert."

Wer im Substitutionsprogramm ist, muss das Rezept des behandelnden Arztes vom Amtsarzt bewilligen lassen. Manche erlebten "auf der BH" Willkür, sagt Thomas B. So sei es auf der Bezirkshauptmannschaft Bregenz bereits mehrmals vorgekommen, dass Rezepte von der Sekretärin abgelehnt, "sogar zerrissen" wurden.

Bezirkshauptmann Elmar Zech sieht das anders. Die Sachbearbeiterin habe den Auftrag, Rezepte für die Genehmigung durch den Amtsarzt vorzubereiten. "Fallen ihr Fehler auf, hält sie mit dem ausstellenden Arzt Rücksprache." So könne das Rezept einfach ausgebessert werden. Liege ein grundlegender Fehler vor, werde das Rezept geschreddert. Dann müsse der Patient ein neues Rezept holen.

Dosis bestimmt Lebensqualität

Stimmt die Dosis nicht, komme es zu großen Problemen im Alltag. Rowena C.: "Wenn du falsch eingestellt bist, wird Arbeiten echt die Hölle. Dann verlierst du wieder deinen Job." Auch die psychosoziale Betreuung, die nur in Vorarlberg vorgeschrieben ist, helfe hier nicht weiter, sagt Sonja Gobber, Beirätin bei Do it yourself. "Eigentlich sollten die Betreuenden zu Ärzten und Behörden begleiten, es fehlt aber an gutem Personal."

Ausbildung und Qualifikation vermissen die Vereinsvertreterinnen und -vertreter auch bei den Amtsärzten. Monika R.: "Die Amtsärzte sollten eine Substitutionsausbildung vorweisen müssen." Unerklärlich ist den Süchtigen, warum je nach Bundesland Substitution anders gehandhabt wird.

So werde beispielsweise das Rezept eines Wiener Arztes in Vorarlberg nicht akzeptiert. "Was für den Betroffenen heißt, dass er massive gesundheitliche Probleme bekommt." Durch die Weigerung, ein Rezept abzustempeln, würden Menschen auf den Schwarzmarkt, in die Kriminalität gedrängt, schildert Rowena C.

Für den Leiter von Ex & Hopp, den Sozialarbeiter und Kommunalpolitiker Bernhard Amann, liegt eine Lösung in der kontrollierten Heroinabgabe. Auch darüber soll bei der Tagung diskutiert werden. (Jutta Berger, 14.10.2015)

Info

Erste Drogenselbsthilfe-Tagung in Vorarlberg, Freitag, 16. Oktober, 14 bis 18 Uhr, Pro Kontra, Kaiser-Franz-Josef-Straße 29, Hohenems.

Share if you care.