Energiearmut: Im Winter auch daheim warm anziehen

17. Oktober 2015, 11:00
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Geringes Einkommen, hohe Energiepreise und unsanierte Wohnungen treiben Menschen in die Energiearmut. Forscher untersuchen Ursachen und Folgen

Graz – Während mit großem Aufwand Smart Citys geplant werden, in denen Gebäude mehr Energie produzieren sollen, als sie selbst verbrauchen, und deren Bewohner mit Hightech-Hilfe zu Energiesparmeistern auf höchstem Komfortniveau getrimmt werden, wächst in der einkommensschwachen Schicht der Gesellschaft ein Phänomen namens Energiearmut. Die vergleichsweise billigen, weil die meist unsanierten Wohnungen der davon Betroffenen sind mit ihren undichten Fenstern und Türen, mangelhaften Heizungen und schlecht isolierten Wänden das Gegenteil von "smart".

Auf Kosten der Gesundheit

Das wirkt sich auf die Strom- und Heizkosten aus: Laut Statistik Austria müssen im untersten Einkommensviertel mehr als acht Prozent der Haushaltsausgaben für Energie aufgewendet werden, während es im obersten Viertel nur etwas mehr als drei Prozent sind. "Energiearmut entsteht aus dem Zusammenspiel von niedrigen Einkommen, hohen Energiepreisen und energieineffizienten Wohnungen beziehungsweise Geräten", sagt der Soziologe Karl-Michael Brunner von der Wirtschaftsuni Wien. Gekennzeichnet sei diese Form der Armut häufig durch Energieschulden, wiederholte Abschaltungen, Einschränkungen des Energiekonsums auf Kosten der Gesundheit.

In den politischen und wissenschaftlichen Fokus ist dieses Phänomen hierzulande erst im Zuge der Energieeffizienzdiskussion gerückt. Augenöffner waren zwei vom Klima- und Energiefonds finanzierte Studien.

Eine Befragung von 400 einkommensschwachen Haushalten ergab, dass mit 82 Prozent überdurchschnittlich viele Menschen in Gebäuden leben, die vor 1980 gebaut wurden. In der Hälfte der Wohnungen sind seit einem Jahrzehnt keine Sanierungen durchgeführt worden. Die Folge ist eine mangelnde Energieeffizienz, die durch höhere Heizkosten kompensiert werden müsste. Da sich die Bewohner das oft nicht leisten können, sinken die Raumtemperaturen nicht selten unter die von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen Richtwerte für gesundes Wohnen. Diese liegen für Wohnzimmer bei 21 Grad, für andere Räume bei 18.

Immerhin gibt es seit kurzem ein Energieeffizienzgesetz, das erstmals auf Energiearmut eingeht. So wird die für Energieversorger verpflichtende Energieverbrauchseinsparung von 0,6 Prozent mit 1,5 Prozent angerechnet, wenn die dafür nötigen Maßnahmen wie etwa Beratungen bei einkommensschwachen Haushalten durchgeführt werden. Weitere Aktivitäten zur Bekämpfung von Energiearmut werden den Bundesländern und karitativen Einrichtungen überlassen.

Mit einmaligen "Heizkostenzuschüssen" – in der Steiermark etwa sind das zurzeit 120 Euro pro Jahr – sowie Energieberatungen allein wird das Problem allerdings nicht nachhaltig zu lösen sein, stimmten am Freitag bei einer Podiumsdiskussion über die Energiearmut im Grazer Museumsviertel sämtliche Diskutanten aus Politik, Energiewirtschaft, Wissenschaft und Caritas überein.

Mittelschicht profitiert

In der vom Universalmuseum Joanneum und dem Land Steiermark organisierten Veranstaltung kristallisierte sich rasch das Grundproblem im Kampf gegen die Energiearmut heraus: Wer zahlt die thermische Sanierung alter Gebäude, deren mangelnde Energieeffizienz eine der Hauptursachen für Energiearmut ist? Von den entsprechenden Förderungen profitiere aufgrund des relativ hohen Eigenanteils vor allem die Mittelschicht, ist Karl-Michael Brunner überzeugt, der an den beiden österreichischen Energiearmutsstudien maßgeblich mitgearbeitet hat und in Graz das Impulsreferat hielt.

Zudem seien Energiearmutsgefährdete meist Mieter und die Wohnungsbesitzer nur selten an einer teuren Sanierung interessiert. Selbst bei Wohnungen im Bundeseigentum gebe es hier noch Handlungsbedarf. Andererseits treibe eine umfassende thermische Sanierung im Sozialbau die Mieten in die Höhe, "sodass sozial Schwache erst wieder auf schlechtere Wohnungen ausweichen müssen", so Brunner.

Weil Energiearmut neben den sozialen auch ökologische, gesundheitliche und wirtschaftliche Auswirkungen auf eine Gesellschaft hat, wird das Problem bisher zwischen den jeweiligen Ministerien herumgereicht.

Asthma und Allergien

"Dabei werden die gesundheitlichen Folgen noch nicht einmal diskutiert", wundert sich der Wissenschafter. "Auf der Website des Gesundheitsministeriums geht es vor allem um gesunde Ernährung und Bewegung – die Wohn- und Arbeitsbedingungen kommen da gar nicht vor, obwohl sie die Gesundheit wesentlich beeinflussen." So können zu niedrige Temperaturen im Wohnbereich verstärkt Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und der Atemwege verursachen, die Entstehung von Feuchtigkeit und Schimmel begünstigen und dadurch Asthma und Allergien auslösen.

Wie stark sich feuchte, kalte Wohnungen auch auf die psychische Gesundheit auswirken, zeigt eine britische Studie: "Nach der thermischen Sanierung mehrerer Häuserblocks fand man in begleitenden Untersuchungen heraus, dass sich die Depressionsrate halbiert hatte und sogar der Raucheranteil zurückgegangen ist", berichtet Brunner. "Offenbar haben die desolaten Wohnverhältnisse und die ständige Sorge um die Bezahlbarkeit der Energiekosten die Bewohner massiv unter Stress gesetzt."

Etwa 260.000 bis 300.000 Menschen in Österreich sind aktuell von dem Problem betroffen, dass sie es sich nicht leisten zu können, ihre Wohnung ausreichend zu heizen, ohne mit den Energiezahlungen ins Trudeln zu kommen und Abschaltungen zu riskieren. (Doris Griesser, 14.10.2015)

  • 260.000 bis 300.000 Menschen stehen nach Schätzungen in Österreich aktuell vor dem Problem, ihre Wohnung nicht ausreichend heizen zu können. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt 21 Grad im Wohnzimmer für gesundes Wohnen, 18 Grad in anderen Räumen.
    foto: dpa / jan woitas

    260.000 bis 300.000 Menschen stehen nach Schätzungen in Österreich aktuell vor dem Problem, ihre Wohnung nicht ausreichend heizen zu können. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt 21 Grad im Wohnzimmer für gesundes Wohnen, 18 Grad in anderen Räumen.

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