Ein blauer Sieg, der für Rote nach Verrat riecht

12. Oktober 2015, 20:09
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Das rote Wien baut Gemeindebauten und U-Bahnen, doch der kleine Mann läuft zu den Blauen über. Sind die Wähler undankbar? Paul Johann Stadler, neuer Bezirkschef von Simmering im Dienst der FPÖ, hat Antworten

Paul Johann Stadler muss seine demokratische Pflicht vernachlässigen. Eigentlich sollte er helfen, Wahlkarten auszuzählen, doch an diesem Montag surrt pausenlos das Handy. Journalisten sind dran, und bereits die ersten Hilfesuchenden. Eben habe eine gehbehinderte Dame angerufen, die es wegen der knappen Ampelschaltungen nicht über die Straße schaffe, erzählt Stadler: "Bei der SPÖ war sie schon fünfmal, doch die sagen nur: ,ja ja'."

foto: apa/expa/gruber
Die Revolution in Simmering lässt sich sanft an: Der neue Bezirksvorsteher Paul Johann Stadler sieht nicht wie ein Jünger von FP-Chef Heinz-Christian Strache aus – und er klingt auch nicht so.

"Zuhören, auf die Leute zugehen, ehrlich sein": So fasst der 59-Jährige jenes Rezept zusammen, das ihm und seiner Partei bei der Wahl am Sonntag einen historischen Erfolg bescherte. Erstmals in der Zweiten Republik wird die FPÖ mit Stadler einen Bezirksvorsteher stellen.

Für so manchen eingefleischten Sozialdemokraten schmecken diese Ergebnisse nach Verrat. Ausgerechnet in den großen Flächenbezirken, wo das rote Wien riesige Gemeindebauten und andere geförderte Wohnungen hingestellt hat, sind die Blauen auf dem Vormarsch. Selbst in der Seestadt Aspern, dem nagelneuen Stadterweiterungsgebiet mit U-Bahn-Anschluss in der Donaustadt, hängte die FPÖ die SPÖ über alle Sprengel gerechnet ab.

Undankbare Wähler? Genau in so einer Haltung spiegle sich die Überheblichkeit der SPÖ wider, glaubt Sieger Stadler: "Alle Wiener zahlen für die Wohnungen und U-Bahnen. Doch die Sozialdemokraten tun so, alles wäre alles nur ihnen zu verdanken."

Gerade in Simmering ist dieser paternalistische Anspruch tückisch, denn die Bewohner haben nicht unbedingt das Gefühl, im Vergleich zu den anderen Bezirken vom Rathaus gut bedient zu werden. Müllverbrennungsanlage, Tierkörperverwertung, Krematorium, Zentralfriedhof: Der elfte Hieb beherbergt vieles, womit sich eine Stadt nicht schmückt. Der Ostrand kämpft mit wirtschaftlichen Problemen, die Perspektive ist vielfach trist. In Simmering, sagt Christoph Hofinger vom Meinungsforschungsinstitut Sora, "sehen die Leute wenige Aufstiegschancen".

Das ist in klassischen Arbeiterhochburgen kein Naturgesetz. Auch in den Bezirken westlich des Gürtels gibt es Zukunftsängste – doch der Zulauf zur FPÖ als Hoffnungsträger der Modernisierungsverlierer ist in diesen Breiten weit geringer. Die dortige bunte Multikultiszene vermittle ein gewisses Aufbruchsgefühl, sagt Hofinger: "Diversität wird dort auch als Chance gesehen."

Die These scheint sich in Rudolfsheim-Fünfhaus zu bestätigen, wo fast die Hälfte der Bewohner Migrationshintergrund hat. Hier bleibt die SPÖ unangefochten Nummer eins. Detail am Rande: Maximilian Zirkowitsch, der satirisch als "Bezirkowitsch" für die SP antrat, hat den Einzug in den Bezirksrat nicht geschafft. In Ottakring liegt der Zuwandereranteil über 40 Prozent, die Verluste der Roten halten sich mit fünf Prozentpunkte im Rahmen, der Abstand zur FP beträgt über zehn Prozent. Noch weiter vorne liegt die SPÖ mit 40 Prozent in der Leopoldstadt, während die FPÖ auf 26 Prozent kommt. Hier, wo Multikultischick junge Leute anzieht, mischen auch die Grünen mit – sie erreichen fast 20 Prozent.

Angst vor Little Istanbul

Der Zuwandereranteil in Simmering liegt mit 35 Prozent niedriger als in den oben genannten Bezirken. An sich sei Zuzug auch kein Problem, sagt FP-Mann Stadler: "Mir sind Ausländer willkommen, das sind ja Arbeiter wie wir. Und gegen Kriegsflüchtlinge habe ich schon gar nichts." Es komme aber darauf an, wie die Neobürger angesiedelt würden. Wenn etwa Flüchtlinge im Bezirk untergebracht werden, müsse man offen informieren – doch die SPÖ habe so etwas über Nacht beschlossen. Auch müssten die Zuwanderer verteilt werden: "Wenn man sich an manchen Abschnitten der Simmeringer Hauptstraße hingegen wie in Little Istanbul fühlt, bekommen die Leute Angst." (Marie-Theres Egyed, Gerald John, 12.10.2015)

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