Aufpoliert und abserviert in Simmering

12. Oktober 2015, 18:19
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Gestiegene Arbeitslosigkeit setzt Arbeiterbezirken zu – Herbert Prohaskas Kindheitsgrätzel nun blau

Die Gemeindewohnanlage Hasenleiten in Wien-Simmering war lange Zeit in miserablem Zustand. Die Fassade bröckelte, die Fenster waren morsch, der Innenhof war kahl. Exfußballer Herbert Prohaska, der als Kind in der Anlage gelebt hatte, bezeichnete sie einmal als "berüchtigtste Gegend im Arbeiterbezirk Simmering, eine Art Klein-Chicago." Als Anrainer aus der Nachbarschaft wollte man sich entsprechend lange Zeit auch nicht hierherverirren.

Doch zwischen 2004 und 2010 wurde der Gemeindebau von der Stadt renoviert. Die Fassade wurde erneuert, Dach und Fenster wurden getauscht. Ein Teil der ungenützten Grünflächen wurde in Privatgärten umfunktioniert. Die gleichnamige Ganztagsschule gegenüber wurde für fünf Millionen Euro saniert, ein Spielplatz wurde errichtet. Die Gegend wirkte auf einmal einladend.

Doch an den Wahlurnen machte sich diese Investition aus Sicht der roten Stadt nie bezahlt. War das Rennen schon 2010 zwischen SPÖ und FPÖ knapp, so drehten die Freiheitlichen Hasenleiten bei der Wahl am Sonntag spektakulär um. 49 Prozent wählten in jenem Sprengel, der im Wesentlichen aus der Anlage besteht, FPÖ, nur 37 Prozent die SPÖ. Am Wahltag lag das im Trend: Die Sozialdemokraten verloren erstmals den traditionellen Arbeiterbezirk Simmering an die FPÖ.

Dabei hat in den vergangenen Jahren der ganze Bezirk einen Neuanstrich bekommen. Seit der Verlängerung der U3 im Jahr 2000 wurden moderne Neubauten errichtet. Auf der Simmeringer Hauptstraße entstanden zahlreiche neue Geschäfte und Lokale, auch wenn die Halbwertszeit dieser Läden nicht immer lang ist.

Statistisch gesehen dürften die Gründe für den FPÖ-Erfolg auch nicht am Ausländeranteil liegen, einem wichtigen Thema für FP-Wähler. 35 Prozent der Bewohner Simmerings haben einen Migrationshintergrund. Das liegt sogar unterhalb des Wiener Durchschnitts von 36 Prozent.

Allerdings ist Simmering zweifelsohne ein Bezirk, in dem sozialpolitische Probleme eher spürbar werden als anderswo. Das durchschnittliche Jahreseinkommen liegt mit rund 24.000 Euro deutlich unter dem Wien-Schnitt von 27.500 Euro. Simmering rangiert damit weit, wenn auch nicht ganz unten in der Statistik.

Die Arbeitslosenquote ist laut AMS im vergangenen Jahr im Bezirk um knapp über 20 Prozent angestiegen. Wienweit legte die Arbeitslosenquote um "nur" 17 Prozent zu. Beim AMS vor Ort heißt es, dass der Bezirk zwar zunehmend vielfältiger werde. So betreue man eine immer größere Zahl an beruflichen Wiedereinsteigern, also jungen Vätern und Müttern, die nach der Babypause wieder Arbeit suchen. Simmering durchlaufe besonders entlang der U3 eine Verjüngungskur. Trotzdem gebe es im Wien-Vergleich eine hohe Zahl an Arbeitssuchenden mit reinem Pflichtschulabschluss. Gerade diese Menschen sind aber von Arbeitslosigkeit besonders oft betroffen. Jeder Dritte mit ausschließlich einem Pflichtschulabschluss sucht aktuell einen Job.

Simmering ist laut Wiener Sozialbericht hingegen der Bezirk mit einer der niedrigsten Akademikerquoten: Jeder vierte Wiener hat laut Statistik ein Studium abgeschlossen – in Simmering jedoch nur zehn Prozent.

Dabei ist das Problem der steigenden Arbeitslosigkeit und des zunehmenden Wettbewerbs um Jobs nicht nur eine Folge der Krise. Marianne Heinisch, AMS-Chefin in Wien-Floridsdorf, sagt, dass die Wiener Arbeiterviertel seit 15 Jahren einen Strukturwandel durchleben. Industriebetriebe wandern aus der Stadt ab. In Simmering hat der Panzerbauer Steyr erst 2014 die Einstellung der Produktion angekündigt. In Floridsdorf baut der Telekom-Ausrüster Alcatel zur Zeit Jobs ab. Besonders schlecht qualifizierte Arbeitnehmer hätten in diesem Umfeld schlechte Karten bei der Jobsuche in der Hand, sagt Heinisch. (András Szigetvari, 12.10.2015)

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