Spur der Ankara-Bomber führt ins "Islamische Teehaus"

12. Oktober 2015, 18:03
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Verdächtige der bisher drei Terroranschläge gegen Kurden trafen sich im südosttürkischen Adiyaman

Ankara/Wien – Ein "Islamisches Teehaus" in einer anatolischen Großstadt könnte der Treffpunkt für die Selbstmordattentäter gewesen sein, die bereits dreimal in diesem Jahr in der Türkei mit immer fürchterlicher Gewalt zugeschlagen haben. 16 Namen terrorverdächtiger Personen soll die Polizei in Adiyaman, einer der vielen konservativ-sunnitischen Städte im Südosten der Türkei, seit Monaten auf einer Liste notiert haben. Warum sich am vergangenen Samstag trotzdem zwei mutmaßliche Islamisten vor dem Zentralbahnhof in Ankara in die Luft sprengen konnten, ist eine der Fragen, die nun die Übergangsregierung von Premierminister Ahmet Davutoglu beantworten muss.

Wenn es eine Schwäche beim Geheimdienst gebe, "werden wir das Notwendige tun", versprach Davutoglu am Montag in einem Interview mit dem regierungstreuen Nachrichtensender NTV. Erstmals räumte der konservativ-islamische Premier ein, die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) sei der Hauptverdächtige für den Anschlag in Ankara. Die Ermittlungen gegen den IS "sind unsere Priorität", sagte Davutoglu. Stunden nach dem Attentat auf eine Kundgebung linker und kurdischer Aktivisten hatte der türkische Premier noch die kurdische Untergrundarmee PKK als denkbaren Täter genannt. Dies war auch die These, die türkische Regierungsblätter ihren Lesern am Montag glaubwürdig zu machen versuchten. Offiziell kamen 97 Menschen bei dem schwersten Terroranschlag in der Geschichte der türkischen Republik ums Leben; mehrere hundert wurden verletzt.

Dem IS angeschlossen

Im "Islamischen Teehaus" in Adiyaman aber trafen sich ab 2014 die mutmaßlichen Selbstmordattentäter, wie Recherchen der liberalen Zeitung "Radikal" und anderer türkischer Medien ergaben. Orhan Gönder war dort, ein junger Mann aus einer kurdisch-alevitischen Familie, der sich dem IS anschloss und – so glaubt die Polizei – sich kurz vor den Parlamentswahlen im vergangenen Juni auf einer Kundgebung der prokurdischen Partei HDP in die Luft sprengte.

Die Brüder Alagöz führten das mittlerweile von der Stadt geschlossene Teehaus. Der jüngere, Şeyh Abdurrahman Alagöz, soll im Juli das Attentat in der Kleinstadt Suruç verübt haben. Sein Bruder Yunus Emre galt als flüchtig. Auch er soll beim IS in Syrien gewesen sein. Nun könnte er laut türkischen Medienberichten einer der Attentäter von Ankara gewesen sein. Drei Frauen stehen auch auf der Verdächtigenliste vom Teehaus. Eine von ihnen könnte der zweite Attentäter gewesen sein. (Markus Bernath, 12.10.2015)

  • Proteste gegen die Regierung gingen am Montag in Ankara weiter. Hinter dem Terroranschlag soll die Extremistenmiliz IS stehen.
    foto: apa / epa / sedat suna

    Proteste gegen die Regierung gingen am Montag in Ankara weiter. Hinter dem Terroranschlag soll die Extremistenmiliz IS stehen.

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