US-Wahlkampf: Sanders punktet bei den Jungen

13. Oktober 2015, 05:30
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Lange Zeit hatte Hillary Clinton keine parteiinterne Konkurrenz für die US-Wahl 2016 zu fürchten. Das hat sich mittlerweile geändert: Der 74-jährige Bernie Sanders ist zwar kein Newcomer, aber doch ein Durchstarter, den sie ernst nehmen sollte

"Keep on rockin' in the free world", dröhnt es aus den Lautsprechern. Neil Young singt da von einer Frau, unter einer alten Straßenlaterne in der Nähe einer Mülltonne, die ihr Baby zur Seite legt für den nächsten Schuss. Es ist das Lied, zu dessen Klängen Bernie Sanders die Bühnen betritt – auch diese hier, ein schnell gezimmertes Podium auf einer Wiese in Manassas.

Im Unterschied zu Donald Trump, bei dem Young protestierte, weil der Tycoon den Rockklassiker zum Wahlkampfstart einspielen ließ ohne um Erlaubnis zu bitten, hat Sanders nicht nur das grüne Licht des Rockbarden: Er hat auch dessen politische Unterstützung. Und was er sagt, klang 1989, als der Song Premiere hatte, im Kern schon genauso wie heute: Sanders, der Unverbogene.

Der Kampagnenmarathon hat seiner Stimme zugesetzt, bisweilen klingt sie, als habe er mit Kieselsteinen gegurgelt. Mit wehendem weißem Haar steht der 74-jährige Senator am Pult, oft hebt er den Zeigefinger, um ihn zornig niedersausen zu lassen. Seine Rede dauert gut sechzig Minuten.

"Bei Bernie weißt du: Der Mann ist echt"

Anekdoten aus dem eigenen Leben, eigentlich Standard in US-Wahlkämpfen, erzählt er so gut wie nie. Nichts an ihm ist modern – aber gerade das mag Erica Bays, Physikstudentin. "Mir muss keiner Unterhaltung bieten, mir braucht keiner was vorzuspielen. Bei Bernie weißt du: Der Mann ist echt." Keiner sagt Sanders, alle reden nur von Bernie.

Der Älteste des Bewerberfelds kann sich, auf die offenbar jüngste Anhängerschaft stützen. Nur: Nahezu alle Gesichter sind weiß, obwohl es hier im Norden Virginias an Afroamerikanern oder Hispanics nicht mangelt.

"Wir sind die reichste Nation in der Geschichte der Erde. Aber nur sehr wenige Menschen spüren das", sagt der Kandidat. In keinem anderen entwickelten Land sei der Wohlstand derart ungleichmäßig verteilt. Die Kluft klaffe so breit wie seit 1928 nicht mehr, seit Börsencrash und Weltwirtschaftskrise, seit dem "New Deal" Franklin D. Roosevelts. "Etwas läuft völlig verkehrt, wenn die obersten 0,1 Prozent fast so viel besitzen wie die unteren 90 Prozent", wettert Sanders. Das Einkommen einer Durchschnittsfamilie liege inflationsbereinigt um 5000 Dollar unter dem Stand von 1999; die Leute arbeiteten immer länger für immer weniger Lohn.

Main Street kontra K Street

Matthew Hahn, einem Landarzt, gefällt an Sanders, dass er "niemandem an der K Street einen Gefallen schuldet". K Street: Das ist das Synonym für die Lobbyisten in Washington, die meisten haben dort ihre Büros. "Bei Bernie kannst du sicher sein, dass er die Interessen der Main Street vertritt", sagt Hahn und meint damit die breite Wählerschaft.

Sanders wettert derweil gegen das Höchstgericht, das Unternehmen seit 2010 unbegrenzte Spenden für einen Kandidaten ermöglicht. Das führt zu einer Schwemme von Super-PACs: Komitees, bei denen ein milliardenschwerer Geschäftsmann eine Kampagne de facto allein finanzieren und praktisch einen Bewerber nur für seine Anliegen ins Rennen schicken kann. "Wir reden hier nicht mehr von Demokratie, wir reden von Oligarchie!", donnert Sanders.

Erica Bays spricht inzwischen vom "Obama-Effekt": Manches erinnert sie an 2008, als Barack Obama an der Favoritin der Demokraten, Hillary Clinton, vorbeizog. Ernüchtert durch das Fiasko im Irak, suchten Viele die größtmögliche Alternative zu George W. Bush. Sie fanden sie in Obama, der glaubwürdiger wirkte. Diesmal ist es Sanders, der einer nach links gerückten Parteibasis aus dem Herzen spricht, wenn er gegen die Wall Street polemisiert – deutlich schärfer als Clinton, die gut konnte mit Bankern, als sie den Bundesstaat New York im US-Senat vertrat. Wer zu groß sei, um scheitern zu dürfen, also "too big to fail" sei, der sei auch zu groß, um zu existieren, schimpft er.

Vehementer TPP-Gegner

Eine Billion Dollar an Steuergeldern will Sanders in ein Infrastrukturprogramm stecken und damit 13 Millionen neue Jobs schaffen; dazu den Mindestlohn anheben, von 7,25 Dollar auf 15 Dollar pro Stunde. Staatliche Universitäten sollen auf Studiengebühren verzichten, sodass ihre Absolventen nicht mehr mit einer häufig sechsstelligen Schuldensumme ins Berufsleben einsteigen. Das Geld für die Subvention soll eine Wall-Street-Transaktionssteuer in die Kasse spülen.

Das transpazifische Freihandelsabkommen TPP, das demnächst im Kongress – lange vor dem transatlantischen Pendant TTIP – zur Abstimmung ansteht, lehnt Sanders ab. "Ich will nicht, dass Arbeiter in Amerika mit Arbeitern in Vietnam konkurrieren, die 56 Cent Mindestlohn bekommen."

Auch Clinton hat sich inzwischen gegen TPP gestellt, obwohl sie den Pakt vor drei Jahren als Außenministerin noch den "Goldstandard" des Freihandels nannte. Doch bei ihr wirkt es wie eine wahltaktische Wende, während er sein Fähnlein nie nach dem Wind hängte: Bernie, der Authentische. (Frank Herrmann aus Manassas, 13.10.2015)

  • Bernie Sanders mit seiner Frau bei der Wahlkampfveranstaltung in Manassas.
    foto: herrmann

    Bernie Sanders mit seiner Frau bei der Wahlkampfveranstaltung in Manassas.

  • Egal ob auf der Wiese, im Festzelt oder im Uni-Auditorium: Bernie Sanders fliegen die Sympathien vor allem der jüngeren Wähler zu.
    foto: ap / steve helber

    Egal ob auf der Wiese, im Festzelt oder im Uni-Auditorium: Bernie Sanders fliegen die Sympathien vor allem der jüngeren Wähler zu.

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